Überflüssige Bücher

Die Menschheit ist noch nicht verloren. Nicht, solange sie noch alte Telefonzellen in öffentliche Bücherschränke umwandelt.

Buecherschrank 2

Solche öffentlichen Bücherschränke gibt es freilich auch deshalb, weil der Wert des gebrauchten Buches heute quasi gegen Null geht (aber nicht nur deshalb – mehr dazu später).

Vorbei sind die Zeiten, als ein asketischer Mönch sich auf einer harten Buchenholzbank im flackernden Kerzenlicht krümmte. Und mit knartzender Feder in wochenlanger Fron eine Kopie eines Meisterwerkes abschrieb.

Herr Gutenberg, was haben Sie angerichtet?

Heute fühlt sich jeder zum Autor qualifiziert, weil er in Deutsch öfter mal ne Drei hatte und bei Twitter schon mal einen Thread mit vier Tweets hinsemmeln konnte. Heute muss man sich an keinem Verleger samt bebrilltem Lektor mehr vorbeimogeln. Wer einen Tatze-Katze-Reim hinbekommt, publiziert heute im Selbstverlag. Oder haut den hunderttausendsten Regional-Krimi im Hanni-und-Nanni-Stil gleich als eBook raus.

Von den neu gedruckten Büchern werden viele erst gar nicht verkauft. Andere werden gekauft und verschenkt. Und vom Beschenkten nie gelesen. Und so stehen in deutschen Bücherregalen Millionen ungelesener Bücher. Herr Gutenberg, was haben Sie da angerichtet?

Bücherwurm mit Netflixabo

Die traurige Daseinsberechtigung für diese an- und ungelesenen Bücher reduziert sich dann auf ihre Funktion als Statussymbol. Für ihre serienglotzenden Möchtegern-Bücherwürmer mit Netflixabo. Ob Goethes gesammelte Werke oder die Upanishaden: Jedes Buch, das da vom Regal runtergrinst, beeindruckt den befreundeten Geografielehrer, wenn er mal wieder auf ein Gläschen Boscholä vorbeischaut.

Bei manchen Autoren möchte man fast meinen, dass ihr Werk Nebensache ist. Mindestens genauso wichtig scheint es, sich mit der kulturell hochwertigen Identität des Buchautors schmücken zu können. Was Autoren dann gerne auf Visitenkarten drucken und ihren Status in scheinbar beiläufigen Habsätzen diskret platzieren. Auf jeder Party -wenn sie denn stattfinden würde- gackert Dich inzwischen einer voll: „Ich bin nämlich Autor“. Aha.

Gönner in Spendierhosen

Zurück zu den öffentlichen Bücherschränken. Jeder kann einfach zugreifen. Und das ist phantastisch: Hier kann das geistig unterversorgte Individuum sich aus dem Füllrohr frei zugänglicher Kultur bedienen, um das eigene Dasein zu bereichern!

Man sollte aber nicht so naiv sein, den Schenker des Buches nur als großzügigen Gönner in Spendierhosen zu betrachten. Als eine Art Mäzen, der mit sozialem Gewissen selbstlos eine ethisch hochstehende Tat vollbringt.

Schenken als egoistischer Akt

Vielmehr ist es auch so, dass sich der Schenker in seinen moralischen Gewändern auch einem schlechten Gewissen entledigt. Denn die Alternative zum Bücherschrank wäre natürlich, Goethes Upanishaden zum Wertstoffhof zu karren. Hier werden sie dann zu Recyclingklopapier umgewandelt. Oder landen letztlich auf einer philippinischen Kindersklavendeponie, zwischen müffelnden Badelatschen und korrodierten Blockbatterien. Festgemauert in der Erden.

Diese Vorstellung ginge natürlich Hand in Hand mit der Einsicht, dass die Anschaffung der meisten Bücher vollkommen überflüssig war. Oder dass man nicht die Eier hatte, ein nutzloses Lesegeschenk zurückzuweisen. Oder dass man sich des Problems einfach nur schnell entledigen will. Ohne mühsam und zeitaufwändig einen geeigneten Nachfolger für „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ aufzuspüren.

Selbstoptimierende Humanisten

Dann lieber der Gang zum öffentlichen Bücherschrank. Statt einer peinlichen Bücherentsorgung mutiert der literarische Kostverächter zum spendenden, moralischen Superhelden. Sehen Sie her: Hier sortiert ein Mensch Bücher ein. Kein Egoistenschwein, sondern ein Humanist, der auch an andere denkt.

Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, die eigene Rolle als supersozialer Kultur-Ghandi in der nächsten Telco zu erwähnen.

Selbstlos. Selbstverständlich. Selbstoptimierend.

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