Heino, Hitler und das Christkind

Liebe Leserinnen und Leser,

der Pfeil auf dem Bild von 2019 zeigt Ihnen, wo das Nürnberger Christkind am Freitag nicht stand. Kein Christkindlesmarkt 2020 – keine Eröffnung mit Christkind auf dem Balkon der Nürnberger Frauenkirche!

Christkindlesmarkt 2019 195339 2

Wenn Sie hier nur wegen Heino und Hitler geklickt haben, bitte gedulden Sie sich. Weihnachten naht! Dieser Artikel wird liefern.

Christkind im Shitstorm

Nürnberg ist Provinz. Zumindest spielen wir nicht in der obersten Liga mit. Und als europäische Kulturhauptstadt taugen wir schon gar nicht. Nürnberg findet medial wenig Beachtung, weil es für viele einfach irgendwo in der Nähe von München liegt. Hier freuen wir uns, wenn wir mal andere Schlagzeilen machen. Und nicht immer nur Söder. Oder fußkranke Stolperkicker im unteren Tabellendrittel. Oder Nürnberger Prozesse.

Heute morgen lese ich nun das Analogangebot „Freies Wort“ aus Südthüringen (danach Druckerschwärze mit Seife abwaschen!). Sensationelle Sensation auf Seite 2: Unser Nürnberger Christkind Benigna Munsi!

Freies wort benigna munsi

Nur das mit dem Nachnamen sollten sie drüben nochmal üben. Die gute Frau heißt Munsi. Solche orthografischen Nichtigkeiten können Benigna Munsi aber nicht aus der Bahn werfen. Nach dem Shitstorm, den sie 2019 bei ihrer Amtseinführung erduldet hat.

Und nun zu Hitler

Die Nürnberger feiern ihren Weihnachtsmarkt als Tradition. Das ist er auch. Denn den Nürnberger Christkindlesmarkt gibt es schon seit Jahrhunderten.

Die Figur des Christkinds ist aber eine Erfindung der Nationalsozialisten. Ebenso der Prolog des Christkinds, mit dem der Markt eröffnet wird. Das alles passierte auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Willy Liebel:

Liebel, Willy.JPG
Von Stadt Nürnberg – Bezirksregierung Oberfranken, Gemeinfrei, Link

Liebel war Nürnbergs Stadtoberhaupt von 1933-1945.

Liebel selber erfand ein neues Zeremoniell, bei dem ein lebendiges Christkind, flankiert von zwei Rauschgoldengeln einen Prolog spricht.

Quelle: Ralf Nestmayer

Hier der Prolog, wie er 1933 vom Christkind dargeboten wurde:

Prolog 1933:

Nürnberg! Wie lieb ich immer Dich schöne deutsche Stadt,
Die ihresgleichen nirgends in deutschen Landen hat.
Doch als vor vielen Jahren man meinen Markt mir nahm
Und dann vors Tore mich jagte, da wurde ich euch gram.

Doch neue Zeiten kamen und Deutschland ist erwacht!
Und hat zu Ehren wieder den alten Brauch gebracht.
An dieser hehren Stätte, die Deutschlands Führer weihten,
Und wo sich Nürnbergs Bürger voreinst als Kinder freuten.

Soll man alljährlich wieder zur frohen Weihnachtszeit,
Wenn jedes brave Kindlein sich auf mein Kommen freut,
Der Christmarkt neu entstehen, in seiner alten Pracht,
Und seine Schätze zeigen, von emsiger Hand gemacht.

So wurde der Prolog bis 1938 aufgeführt. In den Kriegsjahren fand kein Christkindlesmarkt statt. Erst 1948 gab es wieder einen CKM mit Christkind und Prolog. Der Prolog war dann natürlich ein anderer. Wen wundert’s? Erstmals aufgeführt von der in Nürnberg allseits bekannten Sofie Keeser.

Heute wird gerne von den leuchtenden Kinderaugen bei der CKM-Eröffnung geschwärmt. Und das Christkind samt seinem Prolog wird als Tradition gefeiert. Grundsätzlich geht das auch in Ordnung. Denn der Geist dieser Zeremonie ist heute ein völlig anderer. Man sollte dabei aber auch eines im Auge behalten: Die Eröffnung des CKM durch die Figur des Christkinds samt Prolog war eine Erfindung der Nationalsozialisten.

Schwarzbraun ist die Haselnuss

1972 trat übrigens Schlagersänger Heino auf dem Christkindlesmarkt auf. Höflich kommentiert dazu die Lokalzeitung:

Der Beifall fiel allerdings gering aus, da viele Eltern ihre Kinder auf den Schultern trugen.

Später behaupteten Spötter, dass viele Eltern schnell noch ihre Kinder auf die Schultern nahmen. Sorry, kann nicht klatschen. Kind auf den Schultern.

Keifende Mütter und grölende Männer

Wie auch immer. CKM ist dieses Jahr nicht. Ein Autor der ZEIT jedenfalls findet das gar nicht so schlecht. Schon vor Wochen jubilierte er über all die erfreulichen Absagen:

Zeit 45 s55 weihnachtsmaerkte
Quelle: Die Zeit Nr 45/2020, S. 55

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