Der Job hat mich am Samstag nach Frankfurt gebracht und da ich am Mittag schon fertig war, hatte ich ein paar Stunden, um mir die Stadt anzusehen. Zwar war ich schon öfter in Frankfurt, meist aber auf Durchreise. Viel hatte ich deshalb nie von der Stadt gesehen und wenn man nicht viel Zeit hat, läuft man eben aus dem Bahnhof geradeaus ins Zentrum, verliert sich noch in ein paar Nebenstraßen, dann zurück und das war es.
Das war am Samstag anders, bei kühlen Temperaturen wehte ein schneidiger Wind und ich beschloss die Stadt etwas gründlicher zu Fuß zu erkunden. Mein Spaziergang begann am Industriehafen östlich vom Zentrum. Auf dem Weg dahin schoss ich dieses Foto von der Europäischen Zentralbank:

Frankfurts Wolkenkratzer sind ja nicht einfach hohe Bankgebäude, sie sind eine Machtdemonstration. Insofern fand ich den Blickwinkel auf die Bank ideal, um das Gebäude künstlerisch ins Gegenteil zu verwandeln. Aufgenommen von unten, aus einer tiefen, schwarzen Schwere hinauf ist die Bank von allen Seiten eingekastelt, der Strommast begrenzt das winzig wirkende Gebäude exakt mit einer einschränkenden Begrenzung, Von rechts oben läuft ein dunkles, mächtiges Gitter auf die Bank zu und scheint es zu durchbohren. Und Stromkabel zerstören von oben die Illusion, das nichts ein solches Gebäude überragen darf. Am Ende alles eine Frage der Perspektive.
Ganz anders wirkt da schon die Bankarchitektur, wie ich sie später im Zentrum sehen sollte. Übermächtig, monumental und einschüchternd:

Ich habe ja ein Faible für Graffiti (z.B. in Suhl), wer hat das nicht, wenn sie ansprechend gemacht sind? Im Bild ein hessischer Superstar namens Heinz Schenk, hier eine recht freie Interpretation in seinen jungen Jahren, sprühend vor Energie:

Wer mit dem Namen Heinz Schenk nun nichts (mehr) anfangen kann – der Mann war ein deutschlandweit bekannter TV-Schunkel-Star. Seine mit mächtig Eppelwoi („Apfelwein“) angereicherten Sendungen trieften nur so vor Kleinbürgerlichkeit, der noch ein guter Schuss modrig-erdverbundener Muffigkeit aus der direkten Nachkriegszeit anhing.
Seine Sendung „Der Blaue Bock“ und sein unverfänglich seichter und jovialer Humor war wahrscheinlich auch nur mit ein paar „Bembeln“ Apfelwein im Gesicht zu ertragen – wie auch immer. Die unbekannte graffitierende Person erhebt den doch teils schwer erträglichen Schunkel-Schenk halb augenzwinkernd in so eine Art Kultfigur:

Am Tag nach meinem Besuch waren Kommunalwahlen in Frankfurt, die Stadt mit Plakaten zugepflastert. Im Bild ein ramponiertes CDU-Plakat „Staus auflösen“, das bedeutungsschwer auf das Ghostbike eines 28-jährigen Verkehrsopfers drückt:

Drei Plakate übereinander habe ich auch schon in Nürnberg gesehen, aber Frankfurt ist ja wohl bitte keine fränkische Provinz, da haben sie auch fünf drauf:

Die Partei Hessen buhlte auch um Stimmen. Aber dass dieser eine ZDF-Komiker Nico Semsrott nach seiner Wahl ins Europaparlament während der Wahlperiode einfach mal zu den Grünen wechselte, davon erholen die sich so schnell nicht. Da hört der Spaß auf, auch bei einer Spaßpartei:

Frankfurt am Samstag knallevoll, ich habe inzwischen den Römer erreicht und fühle mich bei diesen schönen Fachwerkbauten an Nürnberg erinnert, naja, fast:

Frankfurt ist eine Stadt der großen Gegensätze, vorne das historische Rathaus (wenn ich mich richtig erinnere), hinten die moderne City:

Wegen des Kommunalwahlkampfes war Frankfurt voller Wahlkampfstände, dazu zogen die „Omas gegen rechts“ mit Gitarre und Trompete (Saxophon?) durch die Stadt, gleich zweimal haben sie mich angesprochen, doch wählen durfte ich am Sonntag eh nicht, hat also keinen Zweck:

Neben des Wahlkampfes sah ich auch noch zwei religiöse Gruppen, die in der Nähe der Zeil auf Aquirierung lautstark unterwegs waren. Ein englischsprachiger brüllender Christ, dem ein Übersetzer mit ziemlich beschränkten Englischkenntnissen zur Seite gestellt war – das hatte Comedy-Potenzial!
Und dann noch eine skurrile, ziemlich gleichförmig aussehende und handelnde Gruppe koreanischer Baptisten mit lauter Mikrophonbeschallung, jugendlichem (gleichförmigem) Tanz und ein paar seltsam herumstehenden ernstblickenden Männern mit Knopf im Ohr, die irgendwie digital vernetzt die Veranstaltung überblickten.
Weiter im Zentrum ein kurzer Spaziergang entlang des Mainkais mit dem klassischen Blick auf „Bankfurt“:

Graffiti am Kai:

Mein nächstes Ziel: Die Frankfurter Börse.
Die war leider wegen irgendwelcher Fassadenarbeiten teils eingehüllt, außerdem war da Polizei ohne Ende. Gegenüber des Eingangs waren so ca. 20 Leute mit zwei Klein-LKWs dabei eine Demo vorzubereiten. Wie ich später erfuhr, Unterstützer der iranischen Regierung. Es war sprichwörtlich schwierig, das folgende klassische Börsenfoto von Bär und Bulle aufzunehmen, ohne irgendwie Polizei mit drauf zu haben:

Ca. fünfzig Polizeiwagen waren da, sie parkten um die Ecke, die ganze Seitenstraße entlang und selbst in einer weiteren Nebenstraße parkten noch einige. Wie ich dann später erfuhr, zog die Demo von hier weiter und wurde am Ende von der Polizei aufgelöst.

Neben soviel politischem und religiösem Getöse spielte an diesem Tag noch das unglaubliche Team von Beintracht Schwankfurt und die Anhänger dieser Truppe von Haxenmillionären fluteten zu allem Überfluss auch noch die Innenstadt.
Genug Eindrücke für mich nach zweieinhalb Stunden, der kalte Wind tat sein übriges. Feierabend, Rückfahrt mit dem ICE nach Nürnberg