Ich gebe zu, dass ich ein Fan von Lena Meyer-Landrut bin. Nach vielen Jahren hatte sie es erstmals geschafft, dass ich mich schon Tage vor dem Song Contest auf den Abend freute und mir diesen Termin sogar freihielt.
Lena war irgendwie anders, allein schon deshalb, weil sie nicht eines dieser zahllosen PR-kreierten Kunstprodukte war, das nach dem Passieren der branchenüblichen Machbarkeitsfilter nur noch wie ein austauschbarer, blutleerer Show-Klon wirkte. (Bildlizenz: CC Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) - von Daniel Kruczynski – für Details Bild anklicken)
Als ihr dauergrinsender Moneten-Mentor Stefan Raab dann ankündigte, Lena werde ihren “Titel verteidigen”, hielt ich dies für einen schlechten Scherz. Bisher schien doch immer zu gelten, dass der Gewinner sich würdevoll vom Songcontest zurückzieht, in der Gewissheit, dass das eigene Land diese Lebensleistung für alle Zeiten wertschätzt.
Nun haben wir den Salat. Lena darf uns nicht so in Erinnerung bleiben, wie wir das gerne hätten. Mit der allenfalls durchschnittlichen Gesangsnummer “Taken by a stranger” wird Lena eine Bauchlandung erleben. Seien wir ehrlich. Lena war letztes Jahr mit dem richtigen Lied zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dieses Jahr werden wir froh sein, wenn uns Österreich einen Punkt gibt.
Es ist doch schon mal ein Witz, dass Stefan Raab eigene Songs für Lena schreibt, die dann zur Auswahl stehen, während der Metzgersohn selbst in der Jury sitzt. Gut, der Song Contest war noch nie eine streng demokratische Angelegenheit. Aber wenn Lena wirklich das Zeug hat, den Contest erneut zu gewinnen, was spräche dann eigentlich dagegen, dass sie sich wie letztes Jahr dem Wettbewerb mit anderen Künstlern in der Vorauswahl stellt? Wo gibt es denn sowas, dass ein Titelverteidiger automatisch im Finale steht (im DFB-Pokal jedenfalls nicht)? (Bildlizenz: CC-Attribution-Share Alike 2.0 Generic von Daniel Kruczynski, für Details Bild anklicken).
Das dürftige Liedchen, mit dem Lena antreten wird, ist aber nur ein Grund für das vorprogrammierte Scheitern. Viele “Wähler” im europäischen Ausland werden sich am Abend des Grand Prix sicher genauso fragen, warum Lena erneut ins Rennen geschickt wird. Dieses rein psychologische Moment wird sicher viele davon abhalten, Lena zu wählen. Vermutlich wird der Grand Prix im Verständnis vieler Europäer so wahrgenommen, dass er nicht zwei Mal in Folge gewonnen werden sollte. Und von einer Deutschen schon gar nicht.
Als Lena-Fan hat man nur zwei Optionen: Am Abend des Song Contest mit guten Freunden in eine Kneipe gehen, in der es garantiert keinen Fernseher gibt. Oder mit schmerzverzerrtem Gesicht den schweren Gang durch das Tal der Tränen durchziehen, wie es sich für einen echten Fan gehört.
Lena! Wenn Du dies lesen solltest: Noch hast Du die Chance Dich zurückzuziehen. Vielleicht kannst Du ja so tun, als ob Du Dir ein Bein gebrochen hast. Oder dass Dir eine innere Stimme befohlen hat, dringend nach Feuerland zu reisen. Oder so. Lena, bitte!
[Update 4.3.11] Und wie ich soeben erfahre, bin ich mit meiner Einschätzung nicht ganz allein: Nur 2% der Deutschen trauen Lena laut dieser Umfrage die Titelverteidigung zu. 30 % befürworten die Titelverteidigung an sich. Und nur rund ein Drittel der Befragten findet den neuen Song “(eher) gut”[/Update]