Seit rund 3 Wochen läuft nun Arch Linux auf meinem Netbook Asus EeePc 1005PX . Arch ist eine leichtgewichtige und stark anpassungsfähige Distribution, der der Ruf vorauseilt, schwierig zu installieren und zu konfigurieren zu sein.
Arch ist zwar nicht gerade für Einsteiger geeignet. Ohne fundierte Grundkenntnisse und ein sicheres Bewegen auf der Kommandozeile wird die Installation bis hin zu einem glatt funktionierenden System wahrscheinlich scheitern.
So schwierig wie oft dargestellt ist die Installation und Konfiguration dann aber auch wieder nicht. Eine gewisse Hartnäckigkeit bei eventuell auftretenden Problemen kann natürlich nicht schaden.
Installation und Konfiguration
Die gute Nachricht ist, dass die Community rund um Arch hervorragend organisiert ist. Das Arch Wiki gehört in seiner Gilde zu den Besten und ist auch für Nutzer anderer Distributionen eine gute Anlaufstelle. Das Wiki stellt zwei Anleitungen für den Installationsprozess zur Verfügung. Zum einen gibt es die offizielle Installationsanleitung . Sie ist sehr generell gehalten und setzt umfangreiches Wissen voraus.
Meine klare Empfehlung ist deshalb (auch an den “fortgeschrittenen” Benutzer), sich an die hervorragende Anleitung für “Anfänger” zu halten. Dieser Beginners’ Guide ist sehr ausführlich und manches, was darin beschrieben ist, wird der eine oder andere wohl getrost überspringen bzw. überfliegen können. Der flüchtige Blick auf das umfangreiche Inhaltsverzeichnis am Anfang des Guides sollte deshalb nicht entmutigen.
Benutzerorientierung vs Benutzerfreundlichkeit
Doch warum ist der Prozess der Installation und Konfiguration so komplex? Nun, Arch ist eben kein Ubuntu, das sich Benutzerfreundlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Kaum ist Ubuntu installiert, kann man im Prinzip schon loslegen und muss nur noch wenig anpassen. Das ist toll, doch der Nachteil dieses Prinzips der Benutzerfreundlichkeit ist natürlich, dass die Basiskonfiguration des Systems auf ein durchschnittliches Benutzerprofil ausgelegt ist. Und zugrundeliegende, eigentlich simple Strukturen werden oft zu Gunsten der Benutzerfreundlichkeit verkompliziert.
Arch legt den Schwerpunkt dagegen nicht auf Benutzerfreundlichkeit, sondern auf Benutzerorientierung. Arch ist in hohem Maße individuell anpassungsfähig. Arch an sich ist deshalb weder gut noch schlecht. Gut oder schlecht ist lediglich, was der Einzelne daraus macht. Schlanker und funktionaler Code hat bei Arch eine hohe Priorität. Auch die Benutzerfreundlichkeit muss sich im Konfliktfall diesem Prinzip beugen. Was der Einzelne will, muss explizit installiert und konfiguriert werden.
Baukasten mit Lerneffekt
Nach dem Baukastenprinzip wird zunächst ein minimales System der Grundfunktionen ohne grafische Oberfläche installiert (z.B. via CD, USB…). Ab diesem Punkt obliegt die Installation weiterer Komponenten und deren Konfiguration den Wünschen des Benutzers. Willkommen auf einer interessanten und lehrreichen Reise durch das Innenleben des Systems!
Begriffe wie dbus oder udev sind wahrscheinlich zwei gute Beispiele für Funktionen, von denen zwar viele schon gehört haben. Wie man sie installiert und wozu man beide brauchen könnte, wissen wahrscheinlich schon weniger Menschen. Während der Installation habe ich mich z.B. auch erstmals damit auseinandergesetzt, was eigentlich genau ein Displaymanager wie gdm macht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich gut auf ihn verzichten kann.
Der Aha-Effekt
Für eine erste Testinstallation auf einem ausrangiertem Acer brauchte ich ca. 6 Stunden, wobei ich allein eine Stunde verbrachte, eine proprietäre WLAN-Karte per ndiswrapper einzubinden. Auch die Syntax des Paketmanagers pacman ist erst mal ungewohnt.
Gute 4 Stunden dauerte dann nur noch die Basisinstallation auf dem EeePC. Installiert und konfiguriert habe ich u.a. dbus, udev, alsa und X. Nicht ganz banal ist die Installation von X (hier habe ich mich entschieden für die Desktopumgebung Xfce und dem Windowmanager Openbox). Umso befriedigender dann das erlösende “Aaaaaah!“, als Xfce dann endlich startete. Hier im Bild ein aktuellerer Screenshot nach der Installation von zusätzlicher Software:

Viele Konfigurationsdateien der Grundkonfiguration müssen manuell bearbeitet werden. Dank des Wikis ist das wirklich keine große Hürde. Wie bei jedem anderen frisch installierten System zieht sich die Feinabstimmung und die Installation der gewünschten Anwendungen über ein paar weitere Tage hin.
Rolling Release
Arch Linux ist eine Rolling Release Distribution. Bei Ubuntu, Debian, Fedora usw. gibt es eine bestimmte Version (Ubuntu Lucid, Maverick, Natty…) samt Versionsnummer. Diese Releases greifen auf z.T. veraltete Softwarepakete zu und werden oft nur bei Sicherheitslücken aktualisiert. Diese Distributionen könnte man als Punctual Releases bezeichnen. In Bezug auf die Aktualität der Software machen sie sprunghafte Fortschritte (z.B. alle sechs Monate bei Ubuntu).
Bei Arch finden neue Softwarereleases ihren Weg relativ zügig über den Zweig “testing” in die aktuellsten Pakete der stabilen Arch Repositories. Arch wird einfach regelmäßig mit pacman aktualisiert und so auf den aktuellsten Stand gebracht (rolling release). Veröffentlichungszyklen gibt es im herkömmlichen Sinn nicht. Es gibt nur ein Release – und das ist ein permanent andauernder Prozess.
Stabilität
Basierend auf den “stabilen” Paketquellen läuft Arch mit Xfce auf meinem Netbook sehr stabil und es fühlt sich sehr “schlüssig” und “integriert” an. Arch bootet schnell. WLAN, Drucker, Scanner, Webcam, Sound und die üblichen Verdächtigen wie Firefox und VLC ließen sich alle tadellos einrichten.
Ein Problem gab es einmal, als der Mauszeiger verschwunden war. Durch das Leeren des Cache in /home/$USER/.cache/sessions konnte ich das Problem jedoch beheben. Außerdem lässt mich Rhythmbox keine Podcastfeeds hinzufügen. Na dann, ich habe Gpodder als gute Alternative entdeckt. Und ich hatte ein Problem mit dem Backup-Programm Backintime. Dies stellte sich als Upstream-Bug heraus, für den ich einen workaround gefunden habe.
Ach ja, Backups. Gerade bei einer Rolling Release, die neben der neuesten Software auch mal einen Bug auf die Platte schaufeln kann (trotz “stabiler” Paketquellen), fühle ich mich mit regelmäßigen Backups besser. Richtig darauf zurückgreifen musste ich noch nicht.
Maßgeschneidert und aktuell
Wer die anfänglichen Hürden genommen hat, der wird mit einer schlanken, stabilen und maßgeschneiderten Distribution belohnt, die mit aktueller Software ausgestattet ist. Vielleicht liegt es ja daran, dass jede frisch aufgesetzte Distribution eine gewisse Begeisterung ausübt. In den letzten drei Wochen war ich jedenfalls nur noch auf meinem Netbook mit Arch Linux unterwegs.
Wenn alles weiter so flüssig und problemlos läuft, dann kann es gut sein, dass Ubuntu 10.04 LTS irgendwann von meinem Hauptrechner fliegt und ich es durch Arch ersetze. Schau mer mal.
[UPDATE 1.11.2011: Inzwischen sind vier Monate seit der Installation vergangen. Wie es mir mit Arch seitdem ergangen ist, könnt ihr hier lesen: Arch Linux - eine persönliche Zwischenbilanz ]