Nürnberg – 18.3.2011
Rund 1500 Menschen haben am Freitag vor der Nürnberger Lorenzkirche für die Abschaltung von Atomkraftwerken protestiert.
Mit einer Schweigeminute gedachten die Menschen zu Beginn der Veranstaltung den Opfern der Naturkatastrophe und des Reaktorunglücks in Fukushima (Japan).

Gekommen waren Vertreter vieler politischer Gruppierungen, u.a. Grüne, SPD, Linke und Piraten. Schwarz-gelbe Symbolik war dagegen einzig durch das Atomsymbol auf Protestplakaten auszumachen. Dass man das farblich korrespondierende politische Pendant vergebens suchte, wunderte kaum. Schließlich waren deren Vertreter in Bund und Land (gemeinsam mit der Atomindustrie) die Hauptzielscheibe der Demonstranten.

Während viele Demonstrationen ja oft eine tendenziell homogene Struktur aufweisen, war dies am Freitag in Nürnberg anders. Menschen, die gewöhnlich als bürgerliche Mitte bezeichnet werden, waren ungewöhnlich stark vertreten. Auch Kinder waren dabei, ein ungewöhnlich hoher Anteil von Menschen jenseits der 40, darunter auch etliche Senioren mit grauer Haarpracht.
Das ist sicher keine sensationelle Erkenntnis, zumindest für all jene unter uns, die die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 miterlebt haben, und die nicht vergessen haben, welche enorme Protestwelle es damals in West-Deutschland gab. Auch damals erfasste die Empörung weite Teile des bürgerlichen Spektrums der bundesdeutschen Gesellschaft, die ansonsten (mit Ausnahme des Urnengangs) kaum als politischer Faktor in Erscheinung trat, und denen Arbeit und Familie genug Aufmerksamkeit abverlangten.

Das traumatische anmutende Déjà-vu eines möglichen Super-GAUs treibt heute auch viele ältere Menschen auf die Palme – und auf die Straße. Hatten sie Tschernobyl doch für einen einmaligen Ausrutscher gehalten, der der Misswirtschaft einer untertechnisierten und monokulturell-stalinistischen Ideologie zugeschrieben werden konnte. In Ländern wie Deutschland (Japan, Frankreich, USA) konnte sich sowas ihrer Meinung nach nicht ereignen.
Der Faktor Zeit und die Mühlen des Alltags haben die Ängste von 1986 bei vielen in den Hintergrund treten lassen. Aber vergessen haben sie Tschernobyl nicht.

Die einen kämpften im Ausklang der 80er Jahre an der Anti-Atom-Front gegen Franz-Josef Strauß und seine Wasserwerfer gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Der andere (bürgerliche) Teil zog sich stufenlos auf das Sofa zurück und glotzte künftig “Tutti Frutti“. Deutschland war schließlich nicht Tschernobyl. Deutschland hatte die sichersten Atomkraftwerke der Welt.
Jetzt, nach Fukushima, treffen sie sich alle wieder. Doch diesmal ist es anders. Viele sind inzwischen als Lehrer, Professoren, Ingenieure, Politiker oder in irgendeiner anderen Form als Multiplikatoren ein integraler Bestandteil der Gesellschaft geworden.
Nach Tschernobyl hatten viele der Atomkraft eine zweite Chance gegeben. Man darf gespannt sein, ob sich die Endvierziger in der Mitte der Gesellschaft in den nächsten drei Monaten erneut auf ihre Sofas zurückziehen werden, um der Atomkraft eine dritte Chance zu geben…