
Tratschmaul Miriam Stockl nutzt Thunderbird
In der deutschen Fernsehunterhaltung ist kein Platz für Wörter wie “Windows”, “Macintosh” oder “Linux”. Solche Begriffe sind wie binäre Coca-Cola-Dosen, die man nicht einfach so in die Kamera halten kann. Bei den Sendeanstalten gibt es offenbar eine Art digitales Neutralitätsgebot im Unterhaltungssektor. Tauchen Computer in der deutschen Fernsehunterhaltung auf, sind Betriebssystem und Software oft zur Unkenntlichkeit neutralisiert. Es gibt nur “Computer” und wer damit nicht klarkommt, der wendet sich besser an die Realität. Die ist schließlich viel besser als ihr Ruf.
Am 21.12.2010 hat sich der Sender mit dem besten Mediathekangebot im deutschen Sprachraum eine seltene Blöße gegeben. In der Folge “Ruhe in Frieden” der ZDF-Serie “Die Rosenheim Cops” rätselt die Sekretärin der Kripo in Rosenheim, Miriam Stockl (“Herr Hofer, es gabert a Leich‘”), über den Inhalt von an die Dienststelle gesendete asiatische Mails. Und welches Email-Programm nutzt Stockl, das alte Tratschmaul? Den quelloffenen Mozilla Thunderbird natürlich! Mit einem messerscharfen Sinn für die Realität haben die Autoren dem neugierigen Luder sogar eine “30% off” Viagra-Email ins Postfach gelegt! Also wirklich, ZDF, hierfür meine aufrichtige Gratulation für eure (gebührenfinanzierte) Liebe zum Detail (Bild vergrößert sich beim Anklicken)!
Während in der Realität ein heftiger Verteilungskampf um die Vorherrschaft auf dem Markt für PCs, Software und Betriebssysteme herrscht und auch viele Nutzer das Für und Wider ihres Windows-, Apple- oder Linuxsystems diskutieren, findet dieser gesellschaftliche Diskurs in deutschen Filmen oder Serien hingegen quasi nicht statt. Ist doch auch logisch, Fernsehen ist schließlich realitätsfern.
Hat hier nur ein Praktikant geschludert? Oder hat die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ZDF etwa begonnen zu verstehen, dass quelloffene Software dem sozialen Gedanken des Gemeinwesens nähersteht, als kommerzielle Produkte dies jemals tun könnten? Wenn dem so ist, dann immer nur weiter so, mein liebes Zweites Deutsches Fernsehen!