Nürnberg: Kein Geld für Spielplätze – jetzt muss ein Kunstwerk mit Diamant her!

Wenn sich Nürnberg von seiner besten Seite zeigt, kann es so eine tolle Stadt sein. Doch manchmal stellt sich hier die Frage: Lieber fremdschämen oder stundenlang mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen?

Hinter dem Bahnhof soll der Nelson-Mandela-Platz saniert werden. Und was will die Stadt da als Blickfang und „Kunstwerk“ aufstellen? Einen 20.000 Euro teuren Diamanten, der von einem Block aus Acrylglas umgeben ist!

Erst vor ein paar Tagen wurde in der Nachbarstadt Fürth ein Obdachloser tot aufgefunden, die Verteilung des Reichtums im Land klafft immer weiter auseinander und erst vor ein paar Tagen hat die Stadt rumgejammert, dass in Nürnberg 33 Spielplätze dringend saniert werden müssen und dass das Geld dafür „hinten und vorne nicht ausreicht“.

Wie kann man vor diesem Hintergrund also die Idee bezeichnen, so mal ganz eben locker einen sündhaft teuren Diamanten aus dem Hut zu zaubern und dieses Symbol überbordenden Reichtums als „Kunst“ in den öffentlichen Raum zu stellen?

Bei aller Mühe zu solidarischer Diplomatie möchte ich diese Idee als ziemlich unklug bezeichnen. Ach was, es ist ein Armutszeugnis! Warum nicht gleich jedem Nürnberger, der unter der Armutsgrenze lebt, einmal so richtig kräftig ins Gesicht spucken?

Während Schulen vermodern, Spielplätze herunterkommen, die VAG Jahr für Jahr die Ticketpreise anhebt, keine Kohle für anständige Radinfrastruktur da ist und auf jeder Stadtratssitzung mit tränenerstickter Stimme rumgewinselt wird, dass für dieses oder jenes in diesen schweren Zeiten nun mal kein Geld da ist, da haben wir wirklich nichts besseres zu tun, als einen 20.000 Euro teuren Diamanten in die Südstadt zu stellen?

Ich sags ja: Fremdschämen oder Kopp uffe Platte.

Liebe Leser, bleiben Sie dabei. Über diesen groben Unfug habe ich mich nämlich gerade erst warmgeschrieben.

Das komplette Kunstwerk soll 110.000 Euro wert sein. Was ich als Aufforderung empfinde, unser Wertverständnis von Acryl grundlegend zu überdenken. Nicht dass uns jemand am Ende das wertvolle Acryl klaut. Seltsamerweise macht man sich dann doch eher darüber Gedanken, ob der vergleichsweise billige Diamant gestohlen werden könnte.

Denn in einer Gegend wo schon mal ein Obdachloser dahinscheidet, sind 20.000 Kröten doch ein hübsches Taschengeld. Ein echter Schenkelklopfer ist das Bekenntnis, dass der Acrylblock eigentlich nicht wirklich hart genug ist, um den Diamanten zu schützen. Macht aber nix, denn:

Doch die Jury des Kunstwettbewerbs hat beschlossen, gängigen Vorurteilen über die Südstadt nicht nachzugeben und stattdessen den Vertrauensbeweis zu wählen.

Man muss dem Postillon ein Kompliment machen – wie er es immer schafft, solche Geschichten in den Medien zu platzieren!

Vertrauensbeweis, nee, klar. Immer diese Vorurteile gegen die Südstadt! Auf die Idee, dass es sich lohnt, für so einen geilen Klunker mit einem Profiteam aus Rumänien anzureisen, ist die Jury wohl nicht gekommen.

Naja, klar, man kann auch seine Handtasche eine halbe Stunde vor dem Kolosseum in Rom unbeaufsichtigt lassen. Höchste Zeit für einen Vertrauensbeweis…

Selbst wenn das Ding nicht gestohlen wird, wird es wohl nicht ausbleiben, dass es mancher Mitbürger als Symbol sozialer Ungerechtigkeit empfindet und dem „Kunstwerk“ (*wieher*) seinen eigenen Stempel aufdrückt. Doch auch daran hat man gedacht:

Eventuell müssen Kratzer eines Tages herauspoliert und Löcher wieder gefüllt werden.

Na Super! Erst den hungrigen Südstadt-Pennern einen Klunker vor die Nase setzen. Und dann noch Kohle für die Instandhaltung einplanen. Leute, das ist jetzt nicht Euer Ernst, oder?

Kurze Zusammenfassung:

In einem der sozial schwierigsten Viertel will die von leeren Kassen geplagte Stadt Nürnberg einen 20.000 Euro teuren Diamanten als „Kunstwerk“ (*schenkelklopf*) aufstellen, der schlecht gegen Diebstahl gesichert ist.

Bleiben Sie bei mir, liebe Leser, einen hab ich noch.

Für die Auswärtigen sei noch mal in Erinnerung gerufen, dass Nürnberg mit Albrecht Dürer einen der größten Renaissancekünstler der Geschichte hervorgebracht hat. Doch nicht nur das: Mit Veith Stoß, Martin Behaim, Hans Sachs, Peter Henlein, Peter Vischer, Adam Kraft (um nur einige zu nennen) hat Nürnberg einen großen Teil der deutschen Kunstgeschichte mitgeschrieben.

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Weltbekanntes Selbstbildnis eines großartigen Nürnberger Künstlers, der keine Diamanten benötigte, um wertvolle Kunst zu schaffen: Albrecht Dürer

Nun kann nicht jeder ein Dürer sein, aber was bekommt Nürnberg im 21. Jahrhundert hin? Einen Plastikquader, dessen Materialwert (ohne Diamanten!) gegen Null geht. Ach so, und der künstlerische Wert? Was ist jetzt so besonders an diesem Plastikquader, der aus irgendeinem Grund 110.000 Euro (*johl*) wert sein soll?

Na, weil der auf dem Nelson-Mandela-Platz stehen soll, hat der auch echt viel mit dem Herrn Nobelpreisträger zu tun:

Auch die Maße der 1,83 Meter großen, von unten beleuchteten Acrylglas-Stele entsprechen exakt denen des 2013 verstorbenen südafrikanischen Friedensnobelpreisträgers.

Alter! Hammer! Genauso groß wie der Mandela!

Auch wenn jetzt die Körperform jetzt nicht ganz so originalgetreu ist – ganz großartige Kunst!

Also abgesehen davon, dass jeder minderbegabte 9-jährige Grobmotoriker diesen viereckigen Plastik-Mandela genausogut hinbekommen würde.

Nee, echt jetzt, dieses Dingens als Kunst zu bezeichnen, das ist ein Hohn. Ich glaube, ich habe mich schon Jahrzehnte für nichts mehr geschämt. Aber jetzt ist es wieder mal soweit.

Als geborener Nürnberger schäme ich mich für diesen sinnbefreiten, kunstlosen, unsozialen, gedankenlosen Haufen Plastikmüll, in dem ein Diamant versteckt ist, der entweder gestohlen wird oder durch Sprühdosen verdeckt werden wird.

Armes Nürnberg! Wenn das Albrecht Dürer wüsste!