Haltet den Dieb! Warum ich in jedem Supermarkt Alarm auslöse

Seit einer Woche kann ich in Nürnberg keinen Laden mehr betreten, ohne dass dessen optisch-akkustisches Höllenalarm-System ausbricht. TWIIIT. TWIIIT. BLINK. BLINK. Haltet den Dieb! Ob Kunden oder Kassenpersonal: Alle technikgläubigen Augen richten sich dann beschuldigend erst mal auf mich und meine rot beleuchtete Nase.

Nach einer Woche bin ich inzwischen abgebrüht und erfahren und betrete den Laden mit gleichgültigem Dackelblick, jegliches Sicherheitsinferno stoisch missachtend.

ich symbolbild 8 Supermarkt rfid nuernberg konsum diebstahl

Ich (Symbolbild)

Wenn ich nochmal sehen will, wie mich der Alarm beim ersten Mal erschrocken hat und ich intuitiv eine Rechtfertigungspose eingenommen habe, dann muss ich den Laden nur gleichzeitig mit anderen Kunden verlassen. Kaum röhrt der Alarm los, nimmt der zeitgleich mit mir gehende Kunde die gekrümmte Haltung des Untertanen ein, manche werden fahl im Gesicht ob der in der Luft liegenden Unterstellung des Diebstahls, andere öffnen sofort ihre Taschen und stammeln irgendeine Rechtfertigung daher.

Wieder andere reagieren so panisch auf den Angriff ihrer moralischen Integrität, dass sie kurz davor sind, sich auf den Boden zu werfen und „Bitte nicht schießen!“ zu rufen.

Fast durchströmt mich dann ein Gefühl der Dankbarkeit. Dass ich nämlich auf so plastische Weise die Erfahrung machen darf, wie schnell wir Menschen bereit sind, uns als freie, aufgeklärte und mündige Wesen irgendeiner brunzblöden Technik unterzuordnen, auch wenn deren Entscheidung auf dem geistigen Niveau eines Schuhlöffels beruht. Und das in einer Frage der Moral.

Und dass wir uns von einem Haufen Schrott und Kabeln in eine Verteidigungshaltung bugsieren lassen, nur weil dieses unvollkommene System von Scheiß-Technik jedem im Umkreis von 100 Metern fälschlicherweise bekannt gibt, dass hier ein dreckiger Dieb durch die Pforten des Kauftempels entlarvt wurde.

Eigentlich grenzt das schon an Rufschädigung.

Als Fehlalarm auf zwei Beinen suche noch immer nach der exakten Ursache, wobei ich meine Jacke im Verdacht habe, deren RFID-Chip sich nach dem letzten Waschgang anscheinend irgendwie wieder reaktiviert hat. Oder so.

Seit diesem Waschgang habe ich Filialen u.a. von Netto, Penny, Rossmann und Kaufhof betreten und dabei immer ein Höllenspektakel losgetreten. Interessanterweise ist das dem meisten Kassenpersonal ziemlich Tofu. In einem Markt winkt mir beim Betreten inzwischen schon eine Kassendame schmunzelnd zu. So wie einem alten Freund, den man gerne mal wiedersieht.

Und ich sehe ich auch keinen Grund, meine Zeit dafür zu verschwenden, die Ursache zu beheben.

Der Fehler liegt in meinen Augen nämlich gar nicht bei mir, sondern in einem datenschutzfeindlichen RFID-Tracking-System, gegen dessen Einführung ich von Anfang an vehement gestimmt hätte. Es hat mich nur keiner gefragt. Jetzt also bitte keine duckmäuserische Kooperation erwarten.

So weit wird es nicht kommen, dass ich im Geist eines dumben Konsum-Lemmings vorauseilend alle Mängel beheben werde, die irgendeinem Geschäftsmodell mit Micky-Maus-Sicherheitstechnik im Wege stehen.

Nee, Freunde, der Fehler liegt nicht bei mir. Das Waschen von Jacken bleibt vorerst erlaubt. Sondern der Fehler liegt in Eurem unvollkommenen System der blindgläubigen Technikliebe und der Datensammelwut. In Eurem fehlerhaften Diebstahl-Erkennungs-System, das uns ganz undemokratisch nie zur Wahl gestellt wurde. Und das -vermutlich- jeden Tag tausende unschuldige Bürger in aller Öffentlichkeit unter Diebstahlverdacht stellt.

Das Problem stellt ihr also jetzt mal schön selber ab. Ruft mal den Techniker. Mir mit Eurem ladenübergreifenden System erst ein Tracking-Device unterjubeln. Und wenn es dann nicht nach Eurer Vorstellung funktioniert, mich dazu zwingen wollen, es abzustellen? Das wird nicht passieren.

Taste your own medicine, dudes!

Und stellt Euch bitte nicht als Opfer dar, wenn ich auch die nächsten 20 Jahre mit meiner immer schmutziger werdenden Jacke jeden erdenklichen Alarm in der ganzen Stadt ausgelöst haben werde.

Ihr wolltet mich tracken – also bitte, hier bin ich.

Bald ist eh Sommer. Dann kauf ich mein Klopapier sowieso wieder im T-Shirt!