Eine GEZ-Radio-Livesendung, die ohne mich stattfand

Nach Mein Leben ohne Internet (März 2014) erhielt ich per Mail eine Anfrage einer großen GEZ-Rundfunkanstalt, ob ich bereit wäre, an der Radio-Livesendung eines Medienmagazins zum Thema „Leben ohne Internet“ teilzunehmen. Ich war verwundert.

Da macht man eine Sendung zum Thema „Leben ohne Internet“ und die Gäste rekrutiert man im, nun, wie soll ich sagen…äh…Internet?

Es gab ein paar Mails und auch ein Telefonat mit der zuständigen Redakteurin, die offensichtlich noch ganz am Anfang des Sendungskonzepts stand. Eigentlich hatte sie, so schien es, noch nicht mal den recht ausführlichen Artikel darüber gelesen, warum ich mich zu einem großen Teil aus dem Internet zurückgezogen hatte (und dieser Artikel ist nicht der einzige auf diesem Blog zum Thema). Eigentlich konnte sie keine meiner Fragen richtig beantworten. Bin ich einer der Hauptgäste? Werde ich „nur“ zugeschaltet? Zu welchem Thema werde ich befragt? Wie lautet der genaue Titel der Sendung? Welche anderen Gäste sind eingeladen? usw. usw.

Irgendwie kam es mir so vor, als habe jemand gesagt: Jetzt machen wir mal ne Sendung zum Thema „Leben ohne Internet“. Kannst Du mal schnell schauen, ob Du dazu im Internet ein paar Gäste auftreiben kannst?

An diesem Beispiel kann man sehr, sehr gut erkennen, woran es am heutigen „Qualitätsjournalismus“ krankt (man sollte jetzt aber nicht so tun, als wäre die Blogosphäre davon nicht betroffen. Sie ist auch davon betroffen, aber nicht so ausgeprägt). Wer das Thema rundum beleuchten will, der darf eben nicht nur sog. Experten, Nerds oder irgendwelche Blogger einladen, die alle trotzdem irgendwie eine Affinität zum Internet haben.

Sondern der muss zumindest auch den Rentner befragen, der noch nie einen Mausklick betätigt hat. Der muss mit den Leuten reden, die sich komplett vom Internet fernhalten. Aus politischen, finanziellen, kulturellen Gründen. Z.B. weil sie weder lesen noch schreiben können. Und solche Leute sind eben nur mit einem gewissen Aufwand aufzutreiben und vors Mikro zu bringen. Denn sie wollen (oder können) ja mit dem Internet nix zu tun haben und um diese Menschen zu finden, dazu müsste man ja vor die Tür gehen.

Wenn man seine Gäste im Internet sucht, was soll dann als Abmoderation der Sendung anderes herauskommen als:

Liebe Hörer, wir haben es gehört. Es gibt viele Gründe, seine Zeit nicht im Internet zu verbringen. Aber so ganz ohne – und diese Erkenntnis haben wir heute auch gewonnen – geht es eben doch nicht. Vielen Dank fürs Zuhören. Und nun das Wetter mit Justin Meyer…

Recherche heute bedeutet meistens Recherche im Internet (plus Telefon). Und das hat knallharte Konsequenzen: Ist es nicht auf Google zu finden, ist es nicht relevant. Taucht es nicht in der Timeline auf, existiert es nicht. Hat einer keinen Facebook-Account, wird er nicht beachtet. Sicher gibt es auch Ausnahmen. Abgesehen von denen gilt aber:

Alles eine gewaltige Filterbubble, alle schreiben von allen ab, alles eine sich selbst befruchtende Informationsgesellschaft der technologisch und gebildeten Privilegierten. Das analoge Prekariat bleibt außen vor. Diese Form von Qualitätsjournalismus ist wie eine riesige Guppyzucht. In den Informationspool fließen nur die ein, die festgelegte Merkmale haben. Der Rest findet nicht statt.

Zur Veranschaulichung habe ich jetzt alles natürlich ein bisschen überspitzt dargestellt, aber im Prinzip ist es schon so, denke ich. Und das Resultat, das dann hinten herauskommt, entspricht dann eben nur einer selektiven, verzerrten Realität, die sich immer wieder selbst bestätigt und sich vor anderen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, die einfach nicht workflowkonform sind, verschließt. Und hier unterstelle ich noch nicht mal Vorsatz.

Und deshalb schaue ich inzwischen auch nur ab und zu mal bei den großen Verlagsangeboten vorbei, um die großen News abzugreifen. Vielleicht bewege ich mich damit auch nur in einer anderen Form von Filterbubble. Aber ich denke, wenn, dann ist sie vielfältiger, überraschender, direkter, unbequemer, mutiger und unabhängiger.

Ach so, und die Live-Sendung? Am Ende verlief der Kontakt im Sande, weil wohl beide Seiten das Interesse verloren hatten. Ich, weil mich das marginale Konzept nicht überzeugt hat. Und sie (vermute ich) weil ich zu aufwändig war und immer weitere Fragen stellte.

Nicht workflowkonform.

GEZ-Gebühren bei der Arbeit.

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