Wenn der Kommentar-Pöbel Amok läuft

Eins vorweg: Dieser Kommentar zum Kommentieren kann hier nicht kommentiert werden.

Denn seit 3. Juli sind Kommentare auf Netz10 deaktiviert und zum Ob, Wie und Warum will ich mich eigentlich am Ende des Sommers äußern (UPDATE: Hier geht’s lang:  Das Dilemma der Kommentarfunktion – warum die Kommentare geschlossen bleiben).

Auch so seine Gedanken über das Kommentieren hat sich nordbayern.de gemacht, der Onlineauftritt des Verlags Nürnberger Presse, dessen Verbreitungsgebiet sich über ganz Mittelfranken sowie Teile Oberfrankens und der Oberpfalz erstreckt (NN Erstausgabe: 11.10.1945). Keine kleine Nummer also.

Der Verlag kündigt u.a. an

  • nur noch Kommentare zuzulassen, deren Login eine „nachvollziehbare postalische Adresse“ hat
  • Kommentatoren bei Beleidigungen den Zugang zu sperren
  • Beiträge, die „pauschalierend, polemisch oder unsachlich“ sind, zurückzuweisen
  • Kommentare zu bestimmten Themen in ein Forum auszulagern.

Und wirklich vieles von dem, was hier geschrieben steht, ist nachvollziehbar. Und ein „Recht aufs Kommentieren“ an sich gibt es in meinen Augen auch nicht (hätte ich sonst hier die Kommentare erst mal geschlossen?).

Früher haben die Leute der Zeitung Leserbriefe geschickt. Und die wurden dann veröffentlicht. Oder auch nicht. Kein Mensch wäre da auf die Idee gekommen, „Zensur!“ zu rufen.

Die Frage, welche Kommentare nun zugelassen werden sollen, ist eine Gratwanderung. Und auch für den kommentarliberalsten Blogger findet sich immer ein hämisch grinsender Troll, der die Grenzen so lang auslotet, bis sein Kommentar, wie gewollt, endlich geblockt wird.

Und nordbayern.de? Neben vielem Sinnvollem findet sich zur neuen Kommentarpolitik auch diese Passage:

Dazu gehört auch, dass Politiker Menschen mit Stärken aber eben auch Schwächen sind – so wie jeder von uns. Wer davon ausgeht, dass wir in einem von Fremden umzingelten Land leben, von HartzIV-Empfängern und Asylbewerbern ausgesaugt werden, zudem ausschließlich korrupte Politikern uns regieren und außerdem noch jede in Betrieben oder Organisationen Verantwortung tragende Person nur ihr eigenes (finanzielles) Interesse im Auge hat, der möge seine Kommentare an anderer Stelle absondern und nicht auf nordbayern.de.

Hier wird es aber jetzt echt problematisch. Im ersten Satz wird ein Schulterschluss mit der herrschenden Kaste postuliert (Politiker sind regelmäßig am unteren der Berufs-Beliebtheitsskala zu finden), den viele Menschen garantiert nicht mitmachen mögen. Wenn jetzt jemand denkt (egal jetzt, ob es stimmt oder nicht), dass Politiker eben nicht Menschen wie Du und ich sind – sind seine Kommentare dann nicht willkommen?

Es gibt nun mal Menschen (und es sind nicht wenige), die ein schlechtes Bild von Politikern haben. Und das ist legitim. Wie pauschal solche Urteile sind, dazu später mehr. Journalisten machen einfach andere Erfahrungen mit Politikern als „normale“ Menschen, denn Journalisten werden von Politikern gebraucht und umgarnt.

Ähnliches gilt für die anderen Themen, ganz egal, ob sie nun typisch rechte oder linke Positionen sind. Für ein Portal mit landesweiter Bedeutung sollte im Zweifelsfall gelten: Kommentar genehmigt.

Ich selbst habe schon Kommentare bei nordbayern.de abgegeben und ich habe bis heute nicht verstanden, warum sie nicht freigeschaltet wurden. Darum habe ich schon lange aufgehört zu kommentieren (ähnliches gilt für tagesschau.de) und so kommt am Ende wahrscheinlich nur noch eine ganz bestimmte Klientel zu Wort.

Noch ein Wort dazu, dass keine Kommentare zugelassen werden sollen, die „pauschalierend, polemisch oder unsachlich“ sind:

Übertreibung kann auch ein Stilmittel sein. Und: Wenn das der allgemeingültige Maßstab dafür sein soll, was man im „Qualitätsjournalismus“ landesweit lesen darf, dann würde das erhebliche Lücken in viele Publikationen reißen (mit nordbayern.de sind wir hier noch vergleichsweise gut bedient). Von wegen Pauschalisierung und so. Stichwort: Pleitegriechen.

Ein bisschen überspitzt gesagt: Während andere große Medien permanent pauschalierend Stimmung gegen irgendwelche Gruppen machen, beschweren sich plötzlich wieder andere Medien darüber, dass sie jetzt die Kommentare ernten, die ihre pauschalierenden Medienkumpel gesäht haben.

Soll der Qualitätsjournalismus doch erst mal selbst dafür sorgen, dass in seiner Branche die Standards eingehalten werden, die man auf nordbayern.de für Kommentatoren fordert. Also liebe Freunde von nordbayern.de, schreibt dem Dieckmann doch mal einen Brief, dass er sich endlich an die Standards halten soll, damit bei Euch nicht der Kommentar-Pöbel Amok läuft.

Der Unterschied bei pauschalierenden Inhalten ist: Für uns als Leser ist kein Knopf da, mit dem man so manch geschriebenen, tendenziell-manipulativen Müll blockieren könnte.

Jetzt. Für alle. Immer.