Unangenehme Wahrheiten über Hauskatzen

Das Internet ist die Hochburg der Katzen-Glorifizierung schlechthin, doch wer genauer hinsieht, entdeckt einige unangenehme Wahrheiten über Hauskatzen…

#Catcontent, wohin man sieht: Katzen purzeln, schnurren, gähnen, schmusen, springen (“Süüüüüüß!”) und schnuppern durchs Web. Und immer schwingt die Botschaft mit: Katzen sind göttergleiche Friedensstifter und liebenswerte Charakterköpfe, die tun, was ihnen gefällt.

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Das ist freilich nur eine Seite der Medaille und zwar genau die Seite, die wir gerne sehen wollen. Die Fakten über die Katzenhaltung bringen aber ein paar unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht, die manchen Katzenhaltern nicht bewusst sind (oder die sie gar verdrängen).

Provokant nachgefragt

Nähern wir uns dem Thema mal durch die Hintertür mit Hilfe einer provokanten Frage: Wie würden die meisten Menschen wohl reagieren, wenn ein Mensch ein anderes Lebewesen quält? Wahrscheinlich mit Abscheu und Empörung.

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Tierquälerei ist in Deutschland strafbar (§17 Tierschutzgesetz). Schon anders sähe es hingegen mit unserer Reaktion aus, wenn eine Hauskatze eine Maus gefangen hätte und mit ihr solange “spielen” würde, bis sie qualvoll verendet? Die Empörung wäre sicher geringer und zur Begründung würde dann evtl. folgende Argumentation folgen:

Tiere sind nun mal keine Menschen und da kann man nicht diesselben Maßstäbe anlegen. Die Natur hat es so eingerichtet hat, dass Katzen andere Tiere fressen. Katzen sind schließlich Raubtiere. So ist das freie Spiel der Kräfte der Natur. Klar ist das grausam. Aber so ist die Natur. Dieses Verhalten liegt in der Natur der Katze.” usw.

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Ob das quälerische “spielen” mit der Maus “natürlich” ist oder eine Folge der Verhaustierlichung, lassen wir jetzt mal dahingestellt sein. Doch wie “natürlich” ist das Verhalten einer Hauskatze eigentlich wirklich?

Die “Natur” der Katze

Betrachten wir nochmal das Argument des “natürlichen Verhaltens” einer Katze. In dieser verklärten Argumentation mutiert die Katze zum scheinbar wilden Raubtier auf Beutezug. Fakt ist jedoch, dass durch gezielte Selektion über viele Generationen die Katze zu einem dem Menschen gerechten Schmuse- und Haustier mit verkümmerter Restnatur verkommen ist.

Das Verhalten der heutigen Katze ist ein Abbild menschlicher Bedürfnisse. Das durch Selektion zwangsangepasste “Raubtier” Hauskatze ist ein versklavtes, und konditioniertes Wesen, dessen Verhalten alles andere als “natürlich” ist.

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Katzen und Problembären

Das Argument des “natürlichen Verhaltens” wird interessanterweise nur solange angeführt, wie es menschlichen Interessen dient. Holt sich hingegen der Fuchs ein Huhn aus dem Stall, will das keiner auf “natürliches Verhalten” zurückführen, sondern die wirtschaftliche Schädlichkeit für den Menschen wird in den Vordergrund gerückt.

Ein seltener Bär, der seinem natürlichen Instinkt folgend ein Schaf reißt, wird als Problembär klassifiziert und plattgeschossen. Hätte hingegen jemand den Nürnberger Eisbär Knut abgeknallt, wäre die Empörung groß gewesen – der bediente schließlich menschliche Interessen. Auch die hingezüchtete Hauskatze bedient unsere sozialen und körperlichen Interessen und deshalb greifen wir gerne auf das Argument des “natürlichen Verhaltens” zurück.

Unnatürlich hohe Katzenpopulation

Alleine in Deutschland töten freilaufende Hauskatzen etliche Millionen Vögel pro Jahr. Katzen sind deshalb auch mitverantwortlich für den starken Rückgang an Singvögeln (es gibt natürlich noch andere Gründe). Von den meisten dieser Fänge bekommen deren Besitzer gar nichts mit.

In den gemäßigten Klimazonen Nordamerikas und Europas tötet eine Katze demnach zwischen 30 und 47 Vögel sowie zwischen 177 und 299 kleine Säugetiere im Jahr (Quelle)

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In der “freien Natur” wäre die Katzenpopulation übrigens deutlich geringer und somit auch die Zahl der erlegten Singvögel. Die Population wird jedoch durch Menschen künstlich hoch gehalten, die den Katzen das Fressen aus der Dose zuverlässig anliefern und damit (geschätzt) über 99% des Nahrungsbedarfes abdecken.

Argumente, abhängig von menschlichen Interessen

Verschiedenen Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland ca. 8 Millionen Hauskatzen. Würde man die in die freie Natur entlassen, würde die Population innerhalb kürzester Zeit auf einen Bruchteil zusammenschrumpfen. Dieser gigantische Test des “natürlichen” Verhaltens der in vollkommener Abhängigkeit gehaltenen Hauskatzen würde zeigen, dass die meisten Stubentiger  in der freien Natur nicht überlebensfähig wären. Viel zu gering wäre nach einer kurzen Zeit das Nahrungsangebot. Hinzu kämen gesundheitliche Probleme von Tieren, die plötzlich ohne  Zentralheizung und Tieraztbesuche überleben müssten.

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Wer gerne das Argument der “Natur der Katze” bemüht, sollte sich vor Augen halten, dass der Großteil der Katzen in Freiheit innerhalb kürzester Zeit verhungern würde.

Das “freie Spiel der Naturkräfte”

Klingt grausam. Aber auch hier gilt: Das Argument wird nur genutzt, solange es menschlichen Interessen dient. Objektiv betrachtet dürfte der Tod einer Hauskatze im “freien Spiel der Naturkräfte” auch nicht anders betrachtet werden, als der Tod eines erbeuteten Vogels, auch wenn der Katzenbesitzer durch seine emotionale Bindung an das Tier dem wahrscheinlich nicht zustimmen kann.

Auch die Selektion durch Nahrungsknappheit gehört zur Natur, wird aber im Zusammenhang mit Hauskatzen nur ungern bemüht. Schließlich ist es der Mensch, der das Prinzip der “selbstregulierenden Kräfte der Natur” aussetzt, indem die drohende Nahrungsknappheit im Stundentakt durch das Öffnen von Dosenfutter ent-reguliert wird.

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Katzen und Ökologie

Bekannt sein dürfte ja, dass der (menschliche) Fleischkonsum von Tieren aus industrieller “Produktion” einer der größten Ursachen für Umweltbelastungen ist. Und dazu tragen natürlich auch Katzen (und andere fleischfressende Haustiere) bei. Die industrielle Tierproduktion ist nun mal einer der größten Wasserverschmutzer mit langen Transportwegen und außerdem sehr energieintensiv. Während der Mensch neben Fleisch ja auch noch Obst, Gemüse, Getreide usw. isst, ist der tierische Anteil der Nahrung bei Katzen viel höher.

Fette Hauskatzen – hungernde Menschen

Ursachen für menschlichen Hunger auf der Welt gibt es viele. Dazu gehören u.a. politische Ursachen,  die Spekulation mit Nahrungsmitteln oder das Verbrennen von Nahrung in Motoren (“Biotreibstoff”). Ein wichtiger Grund ist aber auch der hohe Fleischkonsum von Menschen in der westlichen Gesellschaft.

Verschiedenen Modellen zufolge werden für die industrielle Produktion von 1 kg Fleisch die 10-20 fache Menge an pflanzlichen Nahrungsmitteln benötigt. Ob Mensch, Katze oder Hund: Mit jedem Kilogramm Fleisch das gegessen oder weggeworfen wird, fehlt ein Vielfaches an pflanzlicher Nahrung an anderer Stelle. Es ist eine Tatsache: Fleischkonsum trägt dazu bei, das Hungerproblem auf dieser Welt zu verschärfen.

Während also alle 5 Sekunden auf dieser Welt ein Kind unter 10 Jahren verhungert, können sich 8 Millionen Katzen in Deutschland darauf verlassen, dass ihr Fressnapf regelmäßig aufgefüllt wird. Ausgehend von 250 Gramm tierischer Nahrung pro Tag würde eine Hauskatze also (je nach Modell) 2,5 bis 5 Kg pflanzliche Nahrung “vernichten”. Eine Menge, die für viele Menschen als Tagesration eine reine Utopie ist.

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Katzenbesitzer und Tierliebe

Katzenbesitzer (und das gilt natürlich auch für Hundebesitzer) verstehen sich oft als “tierlieb” oder bezeichnen sich als “Tierfreunde”. Kaum jemand wird daran zweifeln, dass Katzenhalter ihre Katze liebgewonnen haben. Meist sind sie aufrichtig bereit, Zeit, Geld und Zuwendung zu betreiben – aus glaubhafter Liebe zu ihrem Tier.

Aber “Tierliebhaber”? Katzenbesitzer müssen sich schon fragen lassen, ob ihre sog. Tierliebe sich nicht nur auf ein einzelnes Tier bezieht, das ihre Interessen bedient. Schließlich fressen die geliebten Katzen andere Tiere, die z.T. in Massenproduktion unter grauenvollen Umständen vegetieren und sterben.

Die Liebe zum eigenen Tier wird also hochgehalten, während das traurige Schicksal anderer Tiere nicht relevant ist. Diese Tatsache wird dabei gerne verdrängt.

Verklärung im Internet

Das Bild der Hauskatze im Internet wird durch Memes, animierte Gifs, Videos und #catcontent Hashtags derart stark verklärt, dass es seinesgleichen sucht.

Rational betrachtet hat diese Verzerrung ein folkloristisches Ausmaß erreicht, das Züge von Fetischismus trägt. Unbeirrbar und wie im Massenwahn lässt die Catcontent-Gemeinde Katzen über die Bildschirme schnurren, purzeln und in Kisten sitzen.

Süß, oder? Ach ja, so eine Katze macht eben, was sie will!

Alle Fotos: netz10.de – Model: Imperator MingMehr Ming-FotosNoch mehr Ming-Fotos

Comments

  1. Der Artikel ist gut geschrieben, am besten finde ich allerdings diese ironisch-süßen Katzenbilder zwischendrin. 😉

    Ich finde es persönlich auch interessant, dass sich Menschen darüber aufregen, wenn jemand Hunde isst, es bei Schweinen aber selbst machen und vollkommen normal finden. Entweder sollte man beides verwerflich finden oder beides “normal”, diese Unterscheidung habe ich nie verstanden.

    Es ist richtig, dass für die selbe Menge Fleisch viel mehr Getreide notwending ist. (Ich hatte 22 im Gedächtnis, es variiert aber auch je nach Tierart.)
    Allerdings sollte man sich dann einmal fragen, wieso dann die selbe Menge Fleisch nicht 20-mal so teuer ist wie Brötchen/Brot, sondern je nachdem, wo man sie kauft, vielleicht 4x so teuer, obwohl bei Fleisch die Verarbeitung als auch die “Herstellung” noch zeitaufwendiger ist, bzw noch zusätzlich Gebäude usw. gebraucht werden.
    Die Antwort lautet Subventionen. Ich bezweifle, dass die Menschen die selbe Menge Fleisch essen würden, wenn sie den Preis direkt zahlen würden, anstatt indirekt über Steuern. Es kommt auf das gleiche heraus, aber bei dem einem sieht man, was man ausgibt und kann dann auch entscheiden, ob es einem Wert ist oder ob man das Geld lieber für andere Dinge ausgeben will. Subventionen führen immer zu Verzerrungen und diese treffen immer den Kunden.

    Das selbe in gelb ist es mit dem Biotreibstoff. Sowas lohnt sich einfach (noch?) nicht und wird deswegen hochgradig subventioniert. Anstatt für so eine Technik Unmengen von Steuern zu verschwenden, würde ich lieber eine Privatperson in Forschung investieren lassen. Sehr gute Forschritte und sehr vielversprechend ist da momentan die Kernfusion.

    Dies soll jetzt aber keine Schuldzuweisung sein. Ganz im Gegenteil. Man sollte sich einmal fragen, wie es denn sein kann, dass in Ländern Menschen verhungern, diese Länder “von uns” dafür andauernd Geld bekommen, aber dieses Geld trotzdem für Waffen ausgeben. Da nützt dann jede Hilfe nichts, wenn das Geld sowieso nicht “für die Bevölkerung” ausgegeben wird.

    Anders gefragt: Warum schaffen es diese Länder, in denen genug Fläche vorhanden ist, nicht, genug Nahrung zu produzieren?
    Warum hat beispielsweise Nordkorea so eine riesige Armee, während die Menschen dort Ratten und Gras essen?

    http://www.oliverjanich.de/die-wahre-ursache-fur-die-hungersnot-in-athiopien-und-uberall-auf-der-welt-sozialismus/

    1. am besten finde ich allerdings diese ironisch-süßen Katzenbilder zwischendrin

      Die Katze kann schließlich am wenigsten dafür und lebt einfach in dem vom Menschen geschaffenen Umfeld. Katzen sind eben doch (meist) süß. Und großartige Motive zum Fotografieren…

  2. Du sagst, die (Haus-)Katzen wären in der Natur nicht überlebensfähig und begründest dass damit, dass das Beuteangebot nicht ausreichen würde wenn man sie alle auf einmal freiließe.
    Stimmt vielleicht, ist aber ein vollkommen unsinniges Argument und sagt über die Überlebensfähigkeiten des einzelnen Durchschnitstiers überhaupt nicht aus. (Lass mal alle Einwohner Deutschlands in einer größeren Variante des Dschungelcamp frei und guck wer dann wie lange überbleibt 😉 )
    Nach Katastrophen wie z.B. der in New Orleans sind Katzen, auch solche die nie die Wohnung verlassen haben, praktisch die einzigen Haustiere, die sich innerhalb kürzester Zeit anpassen, während z.B. Hunde keine Chance haben.

    1. Ich denke auch, dass Hauskatzen in freier Natur überlebensfähiger wären als, sagen wir: Hunde, da Hunde viel stärker domestiziert wurden. Dass in diesem Gedankenspiel die Hauskatze an sich langfristig überleben würde, glaube ich auch. Und da ist es wie beim Menschen – viel hängt da vom Individuum ab.

      Trotzdem denke ich, dass der größten Teil unserer verweichlichten Zentralheizungs-Vollpensions-Katzen die ersten Monate nicht überleben würde.

      Aus Mangel an Erfahrung, leicht zugänglicher Nahrung und Mängeln im gesundheitlichen Immunsystem.

  3. schöne fodos *räusper*. für n temporäres asyl is der kater aber schon ne ganze weile bei dir. scnr

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