Warum ich meinen Telekom-Vertrag gekündigt habe

drosselkom2 200x150 vertrag telekommunikation telekom profit Privatisierung politik Pluralismus netzneutralität kündigung kommunikation internet information dsl drosselkom deutsche Telekom demokratie Breitband Die Deutsche Telekom (aka Drosselkom) will künftig die DSL-Anschlüsse ihrer Kunden ab einem bestimmten Datenvolumen drosseln.

Das bedeutet nicht nur, dass so mancher deutsche DSL-End-Trottel ab dem 10. des Monats im Netz herumschleichen könnte wie mit seinem fiependen Einwahlmodem Mitte der 90er. Viel schwerwiegender ist es, dass hier durch die Hintertür das demokratische Prinzip der Netzneutralität auf dem Hohen Altar des Profitstrebens geopfert wird.

Abschied von der Netzneutralität

Während der End-Depp dann solche subversiven privaten Publikationen wie “Brunhildes Strickblog“, das “St. Hoeneß Logbuch” oder ein Portal für alternative Heilmethoden nur noch im Schneckentempo genießt, wird er die Datenströme zahlender Großkunden nach wie vor auf Formel-1-Niveau konsumieren.

Mit anderen Worten: Das, was der DSL-End-Trottel konsumiert, soll in andere Bahnen gelenkt werden. In kommerziellere, versteht sich. Es sei denn, der End-Trottel zahlt 10 Euro obendrauf (Kommerz-Variante 2). Die Drosselung und damit einhergehende Bevorzugung zahlender Anbieter ist nichts weiteres als eine Entdemokratisierung der Informationsgesellschaft. Nicht umsonst haben einige Länder die Netzneutralität bereits gesetzlich als einen wichtigen Bestandteil der Demokratie geschützt.

Das Heer potenzieller Kunden

telekom kuendigung 200x121 vertrag telekommunikation telekom profit Privatisierung politik Pluralismus netzneutralität kündigung kommunikation internet information dsl drosselkom deutsche Telekom demokratie Breitband Solange sich der DSL-End-Trottel auf privaten Gartenblogs, gemeinnützigen Foren, Open-Source-Seiten, alternativen Portalen oder sonstigen nicht-kommerziellen Seiten jenseits des kommerziellen Mainstreams herumtreibt, surft er nicht auf den Seiten der Versandhäuser, Auktionsportale und finanzkräftigen Massenmedien vorbei.

Derartige Kunden funktionieren nicht als marktkonforme Human-Ressourcen und können nicht mit den (materiellen und geistigen) Produkten in die bunte Welt der Verdrusselkom und ihrer Kumpanen kanalisiert werden.

Jeder Besucher eines privat betriebenen Gartenblogs ist ein potenziell verlorener Kunde eines Gartengroßmarktes. Gartenbaumarkt statt “Atzes Schreberblog” – dahin fährt der Drosselzug.

Die bunte Welt der Verdrusselkom in Highspeed

Wer hat schon Lust einen kritischen Verdrusselkom-Artikel von Netz9.de zu lesen, wenn er erst nach 10 Sekunden lädt? Einen Klick weiter wartet schließlich die bunte Welt der Verdrusselkom in High Speed, inklusive der neuesten GEMA-Hits, dem letzten Mode-Shice und den allerwichtigsten Nachrichten, die echt total unabhängig sind.

Man stelle sich mal vor, wie groß der Aufschrei wäre, wenn irgendein sog. “Schurkenstaat” seinen Bürgern nur die eigenenen systemkonformen Inhalte in Highspeed zur Verfügung stellen würde, während alternative Publikationen nur im Schneckentempo laden würden. Da wäre die “Empörung” groß…

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Wie blanker Zynismus wirkt da das Werbeplakat auf mich, wie man es dieser Tage an der  Äußeren Bayreuther Straße in Nürnberg sehen konnte (Bild oben). Während die Wahrheit für viele wohl ist, dass Zuhause langsamer wird, heißt es da auf dem Plakat: “ZUHAUSE WIRD SCHNELL” und das “ausgezeichnete(n) Netz” wird als Testsieger angepriesen. Alles natürlich so schwammig formuliert, dass es nicht anfechtbar ist. So ist das heute: Anstatt etwas besser zu machen, sorgt man dafür, dass die Menschen glauben, etwas sei besser.

Man könnte meinen, das größte Potenzial der Telekom seien ihre Leitungen, Aktien oder Bilanzen. Nein, das größte Potenzial der Telekom ist die Unwissenheit ihrer Kunden. Mit solchen Plakaten wird der DSL-End-Trottel meiner Meinung nach gezielt des-informiert und bei der Stange gehalten.

Schleichende Entdemokratisierung

Niemand muss mit den hier geäußerten Ansichten übereinstimmen. Es muss aber möglich sein, dass solche Meinungen für die Mitglieder einer Gesellschaft genauso schnell erreichbar sind, wie alle anderen Angebote.

Wenn der Inhalt des Geldbeutels darüber entscheidet, in welchem Tempo Informationen im Internet erreichbar sind, ist dies ein schwerwiegender Eingriff in den freien Informationsfluss einer demokratischen Gesellschaft.

Pluralismus wird zum Luxusprodukt

Wer arm ist, kann sich dann keine alternativen Inhalte unter akzeptablen Bedingungen mehr leisten und surft dann lieber auf Youtube, E-Bay oder dem Dingsbums-Versand herum, weil dort auch ein Video von Britney Spears wartet. Eigentlich frei zugängliche Informationen werden dann zu einem Privileg Ausgewählter und es droht die Etablierung eines Informations-Klassensystems. Pluralismus wird zum Luxusprodukt, das monetarisiert werden kann. Die Drosselung und daraus resultierende Kanalisierung der Informationsströme für sozial schwächere Menschen hin zu kommerziellen Mainstream-Inhalten hat eine tiefgreifende politische Dimension.

Denn dann heißt es auch für die Anbieter: Nur wer zahlt, wird wahrgenommen. Wer wie Blogger oder gemeinnützige Organisationen kein Geld hat, bekommt keine Eintrittskarte in die große Arena gesellschaftlicher Kommunikation und darf seine Thesen vor dem Stadion in seinen eigenen Bart murmeln.

Ein Kunde weniger

Die fruchtbare Vielfalt der (vielleicht manchmal schmerzhaften und unbequemen) Meinungen droht künftig zu einem Einheitsbrei zu verkommen, in dem alle überwiegend dasselbe hören, denken, essen, anziehen, lesen und sagen.

Wer die Entwicklung der Telekom seit der Privatisierung beobachtet hat, muss befürchten, dass hier nur der erste Schritt in eine neue Richtung getan wurde, weg vom Allgemeinwohl. Mit Schreiben vom 7.5.2013 habe ich deshalb meinen DSL-Vertrag bei der Deutschen Drosselkom (Gesellschaft mit beschränkter Haftung) zum nächstmöglichen Termin gekündigt.

Comments

  1. Zum dem Satz, “Nein, das größte Potenzial der Telekom ist die Unwissenheit ihrer Kunden” fällt mir nur folgendes ein.

    Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke (1984)

    Ich sehe nicht nur die Drosselung. Vielmehr ist es doch ein Test, in wie weit sich die Gesellschaft von oben herab bevormunden lässt. Es wird etwas in den Raum geworfen und abgewartet wie die Masse drauf reagiert, reagiert sie, geht man halt einen Schritt zurück. So passiert das doch schon die ganze Zeit, das Internet ist eher für mich ein Testballon. Zu sehen an der folgenden Meldung: Bei Ordnungswidrigkeiten Zugriff auf E-Mail-Passwörter (bei Golem.de).

    Man muss sich doch nur mal vor Augen führen, wie in dieser repräsentativen Demokratie das Volk als Spielball benutzt wurde und wird. ESM, Fiskalpakt, ESFS etc., nun wird die Kommunikation beschnitten, das, was wir brauchen um uns zu verständigen, zu organisieren(Demos). In dieser Welt ist Schnelligkeit oberstes Gebot. Trojaner, Handydatenspeicherung bei Demos, alles geht durch. Die Pillen haben wird doch schon geschluckt, wir brauchen nur noch abzuwarten, bis sie wirken.

    Diejenigen, die versuchen das Gute in dieser gesellschaftlichen Form zu finden, verschwinden. Sie werden für bekloppt erklärt, Fall Mollath oder auch Kontrolleure die die Machenschaften der Banken aufdeckten. Wo sich ein Mensch eigentlich sagen müsste, dass kann doch nicht wahr sein, reagiert die breite Masse lethargisch oder wie hypnotisiert.

    In dieser Welt ist Unwissenheit, Stärke und Gewohnheit/Gewöhnung das Damoklesschwert aller gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

    Deine Entscheidung zur Kündigung finde ich sehr gut, wünsche dir einen schnellen wechseln zu einem neuen Anbieter, da kann vieles schief gehen.

  2. Den Vertrag konnte ich leider nur zum Januar 2014 kündigen. Bis dahin bleibt ausreichend Zeit, zu beobachten, wie sich andere Anbieter verhalten.

    Grundsätzlich unterscheidet sich die große Zahl der Anbieter nur in Nuancen (so bleibt z.B. ein kurzfristiges Kündigungsrecht die Ausnahme.) Es besteht zu befürchten, dass sich das Gros der Anbieter (in welcher Form auch immer) bis zum Januar gegenseitig annähert.

    Der durch die Privatisierung gepriesene Pluralismus und die Vielzahl der Angebote bleibt so gesehen aus.

    Was fehlt, ist ein Angebot (zumindest kenne ich keines), dass sich -ähnlich wie ein Open-Source-Projekt- an den Interessen des Gemeinwohls orientiert.

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