Werbespot: Der Fußballfan als konformer Jubler

zombie tv zdf werbung werbespot TV Sport1 sport SKY Sicherheitspapier schlagstock rauchentwicklung Menschenbild medien Liga Total gez fussball fernsehen fans dfl bundesliga Bratwurst bengalos ard 100% Spiel 0% Gewalt Pünktlich zur Rückrunde zeigen die TV-Sender ARD, ZDF, Sky, Sport1 und LigaTotal einen Werbespot (Der verlinkte Artikel http://www.ardmediathek.de/das-erste/sportschau/spot-100-prozent-spiel-0-prozent-gewalt?documentId=13053512 wurde inzwischen DEPUBLIZIERT – Was ist das?) der zeigt, wie sie die Fans gerne sehen würden: Als (Würstchen) konsumierende, konforme Masse mit schönen Frisuren.

Nach den Schweigeprotesten der Fanblöcke gegen die Einführung des sog. Sicherheitspapiers sorgen sich die TV-Anstalten offenbar um die Deutungshoheit der Fankultur im deutschen Fußball. Im Zeitalter des Internets haben die Fans nämlich gezeigt, dass sie gut organisiert sind und ein ernstzunehmender Faktor für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit sein können.

5 Fanlager in einem Block..?

Für die Fernsehanstalten ist das neu und unbequem. Ihr Video „100% das Spiel – 0% Gewalt“ wirbt vordergründig zwar für ein gewaltfreies Erlebnis in deutschen Stadien. Die Botschaft hinter der Botschaft ist aber imho eine  andere:

Vollkommen realitätsfern werden Fußball-Fans so präsentiert, als stünden die Fans von 5 verschiedenen Vereinen gleichzeitig in einem Block. Es werden uns nur schöne Menschen gezeigt, alle wohlfrisiert und gesittet (Tipp: mal auf blonde Frauen im Spot achten).

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Die Realität: Nordkurve Nürnberg 2012

Trommelfeuer des Schwachsinns

Und in der Pause geht der idealtypische Fan im Video eine Bratwurst essen. Alle stehen schön wohlgesittet in der (vollkommen unrealistisch kurzen) Schlange. Wenn Kroos gegen Dortmund ein Tor schießt, jubeln die Fans aller Vereine. Sogar ein Dortmunder! Was für ein Blödsinn!!!!!

Die Schnitte des Spots sind so schnell, dass man diesen ganzen Unsinn gar nicht auf einmal verarbeiten kann. Der ganze Spot ist ein Trommelfeuer des Schwachsinns (Tipp: Mit der Pause-Taste ansehen).

Die Realität hat Zahnlücken

Die Realität sieht freilich anders aus. Die Kurven der Stadien sind gespickt mit so herrlich schrägen Vögeln, ob fluchend, rauchend, seltsam gekleidet oder mit Zahnlücken. Sie sehen so ganz anders aus (und verhalten sich auch anders), als die Menschen aus dem Spot, die allesamt auch Werbung für Haargel, Snickers oder Reiserücktrittsversicherungen machen könnten.

Das Menschenbild des konformen Jublers

Der Fußball ist längst ein wirtschaftliches Ereignis geworden. Fans, die sich selbst organisieren und ihre Interessen vertreten, stören da nur. Nur als konforme Jubler sind sie willkommen, eine kostengünstige Ressource im Produktivitätsgeflecht der Geldmaschine „Fußball Bundesliga“.

Kein Fan wird wohl ernsthaft für Gewalt in den Stadien eintreten wollen. Das Thema Gewalt funktioniert meiner Ansicht nach in diesem Spot nur als Träger der eigentlichen (versteckten) Inhalte mit dem Ziel, die Deutungshoheit über die Fankultur zu zementieren und ein erwünschtes Menschenbild in die Köpfe der Zuschauer zu tragen.

Das eigentlich erschreckende an diesem Spot ist, dass die TV-Anstalten überhaupt einen Bedarf sehen, „korrigierend einzugreifen“. Denn nichts anderes passiert ja hier. Im Stile eines Waschmittel-Werbespots soll das Denken der Fans (und ihr Bild über sich selbst) in einen bestimmte Richtung geändert (kanalisiert) werden.

Siehe auch: Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen Gewalt. Und auch das St. Pauli Blog „Lichterkarussell“ hat einiges kritisches zu diesem Spot zu Protokoll gegeben.

Comments

  1. Nachtrag:
    Alleine die Szene mit der Bratwurst sorgt bei mir auch nach mehrfachem Ansehen für Erheiterung 🙂 Was will uns diese Szene sagen?
    (Schwerter zu Pflugscharen) – Schlagstöcke zu Bratwürsten?
    Wer Bratwurst isst, bekommt keinen mit dem Schlagstock drüber?

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