Der Radiergummi der Tagesschau

zombie tv vorurteil terror tagesschau rechtsextremismus medien gez ente attentat Wenn in einem Printmedium ein inhaltlicher Unsinn erschienen ist, gibt es für die Redaktion kein Zurück mehr und die Beweise sind nicht revidierbar. Ganz anders ist es im Internet.

Egal, ob die Redaktion einer Ente aufgesessen ist oder ein vorschnelles Urteil gefällt hat: Mit ein paar Klicks ist die Meldung derart geändert, als hätte sie niemals anders ausgesehen. Beispiel gefällig? Zu den Anschlägen auf eine Schule in Toulouse schrieb die Onlineausgabe der Tagesschau (Stand: 21.3.2012, 0:37, Feedreader Screenshot):

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Dass diese Story (mit vermeintlich rechtsextremem Hintergrund) auf einer reinen Spekulation aufbaut (andere würden sagen: einem Vorurteil) zeigt sich schon ein paar Stunden später, als sich die Nachrichtenlage ändert und die Ursprungsmeldung eine wundersame Wandlung erlebt.

Da melden Agenturen nämlich, dass der mutmaßliche Täter umzingelt sei und vermutlich Al Quaida  nahesteht, was die Tagesschau auch brav vermeldet. Und die Meldung vom frühen Morgen, in der eine Spur rechtsextremen Terrors durch Europa gezeichnet wurde, die „möglicherweise“ in Toulouse endet, liest sich plötzlich so (http://www.tagesschau.de/inland/rechtsterrorismus100.html):

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Statt Toulouse 2012 lesen wir nun vom Oktoberfest 1980. Ein Hinweis, dass diese Meldung ein Update erfahren hat, sucht man vergebens. Im Gegenteil: Ganz unten wird sogar noch beansprucht, dass der Stand der Meldung „0:37 Uhr“ sei. Das ist nicht nur unsauber gearbeitet, sondern hat boulevardistische Züge. Und für solchen Mist soll ich ab 2013 jährlich 150 Euro mehr an GEZ-Gebühren bezahlen? Vielleicht sollte der Spruch „Das Internet vergisst nichts“ mal neu überdacht werden.

Comments

  1. Was ist denn die genaue Kritik? Das die Tagesschau das vermeldet was der französische Innenminister verlautbart – der behauptet hat die Tat wurde von „Neo-Nazi-Elementen“ begangen -, oder das die vergessen haben das Datum anzupassen – was kleinkariert ist – oder geht es nicht doch einfach nur darum sich irgendeine Gelegenheit zu suchen um gegen die Gebühren zu wettern? Anscheinend sind die dann ja nicht so schlimm, da man nichts besseres gegen sie findet.

    1. Was ist denn die genaue Kritik? Das die Tagesschau das vermeldet was der französische Innenminister verlautbart (…)?

      Kritik ist imho angebracht, da Medien (und das gilt für öffentlich-rechtliche noch umso mehr) eben gerade NICHT einfach nur das ungeprüft aufnehmen und weitergeben sollten, was andere „verlautbaren“. Die Tagesschau ist ein in Deutschland führendes Leitmedium, von dem man erwarten kann, dass es Quellen auf deren Authentizität und Wahrheitsgehalt prüft.

      Wenn man solche Spekulationen dann zu einer Geschichte aufbläht (die auf einer falschen Grundlage beruht), entsteht die Gefahr, dass andere Medien auf denselben Zug aufspringen und die politische Diskussion und die öffentliche Meinung auf absurde Weise in die falsche Richtung gelenkt wird.

      Der Hauptkritikpunkt ist aber noch nicht mal, dass der Tagesschau hier ein Lapsus passiert ist, sondern wie sie damit umgeht. Es wäre guter Stil gewesen, darauf hinzuweisen, dass eine frühere Version des Artikels auf einer falschen Grundannahme beruht hat. Diese Tatsache zu verschweigen, ist nicht gerade vertrauensbildend.

      Tja und wenn ich für dieses Angebot Gebühren bezahlen muss, dann erlaube ich mir auch, einen höheren Anspruch anzulegen (v.a. wenn sich in meiner persönlichen Situation die „Gebühr“ ab dem nächsten Jahr verdreifachen wird)

  2. Der Vorwurf kann nur die intransparente Korrektur sein. Islamistischen Terror als „rechtsextrem“ zu bezeichnen, entspricht meiner Auffassung nach schlicht der Wahrheit. Lösen Sie sich von der Vorstellung, Rechtsextreme seien groß, blond und blauäugig!

    1. Der Vorwurf kann nur die intransparente Korrektur sein.

      … sowie das Zustandekommen der Meldung an sich, fußend auf ungeprüfter Spekulation

      Lösen Sie sich von der Vorstellung, Rechtsextreme seien groß, blond und blauäugig!

      Diese Vorstellung habe ich nicht.

      Islamistischen Terror als “rechtsextrem” zu bezeichnen, entspricht meiner Auffassung nach schlicht der Wahrheit.

      Diese Auffassung kann man vertreten. Ich vertrete sie nicht. Die Tagesschau offenbar auch nicht. Sonst hätte sie den Ursprungsartikel sicher einfach so stehengelassen.

  3. Die Kritik an der Korrektur ist nachvollziehbar, aber ich bezweifle, dass es zu dem Zeitpunkt möglich war, die Spekulationen zu überprüfen. Muss die ARD als ‚deutsches Leitmedium‘ wirklich besser informiert sein als der Französische Innenminister? Der Text mag leicht tendenziös sein – eine konkrete Fehlinformation kann ich nicht erkennen die Verwendung der Worte „möglicherweise“ und „wäre“ kennzeichnet den Bericht doch als spekulativ.

    1. (…) eine konkrete Fehlinformation kann ich nicht erkennen die Verwendung der Worte “möglicherweise” und “wäre” kennzeichnet den Bericht doch als spekulativ (…)

      Es ist wie der bekannte Effekt „Denken Sie jetzt mal NICHT an einen Elephanten„. Egal, ob Sie eine Negation oder einen Konjunktiv verwenden, beim Empfänger bleibt das Wort „Elephant“ hängen.

      Oder stellen Sie sich mal vor, Ihr Chef sagt zu Ihnen: „Herr L, KEIN MENSCH SAGT, dass Sie ein fauler, illoyaler Mitarbeiter sind„. Trotz der Verneinung werden Sie sicher denken (so ähnlich): „Hm, der Chef glaubt, ich sei faul und illoyal

      Auch der Konjunktiv im ursprünglichen Bericht über Toulouse wird die Leser nicht davon abhalten zu denken, dass das Attentat von einem Rechtsextremem durchgeführt wurde, wenn ihm die ganze Spur rechtsextremem Terrors der letzten Jahrzehnte vorgeführt wird, an dessen Ende Toulouse steht (mit Bild). Der Konjunktiv ändert daran gar nichts. Die subtile Botschaft bleibt stehen, sie beeinflusst Leser und auch andere Presseorgane und setzt das Thema auf die Agenda. Das ist die sog. „Fehlinformation“, die Sie hier nicht sehen können.

      Journalismus mit Anspruch darf sich nur an Fakten halten .Sonst läuft er Gefahr, durch Dritte manipuliert und benutzt zu werden.

      Notfalls muss man als Journalist eben auch sagen können, „Wir haben keine Ahnung, was der Hintergrund ist. Vermutungen, wonach der Hintergrund rechstextrem ist, konnten bislang nicht bestätigt werden.“ Wer so arbeitet, dem wird es auch nicht passieren, so eine haarsträubende Geschichte zu veröffentlichen, deren Fehler auf einer falschen Grundannahme beruht.

      1. 100% d’accord!
        Kurz und knackig:
        Fehler 1: Auf Spekulation angesprungen (kann mal passiern)
        Fehler 2: Spekulation aufgebläht (sollte nicht passieren)
        Fehler 3: Nicht stehen zu Fehler 1 und Fehler 2 (darf nicht passieren)
        In der Summe: inakzeptabel

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