Tankstelle: Alkohol nur für Autofahrer!

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Autofahren in Deutschland: Alkohol gehört zum "Reisebedarf"

Wer am Abend an der Tanke zu Fuß mal schnell eine Pulle Bier kaufen will, der kann eine böse Überraschung erleben. Alkohol nur für „Kraftfahrer“!

Nein, nein, dies ist kein schlechter Witz aus einem billigen Groschenroman über eine fiktive Bananerepublik, in der eine humpelnde Riege hirnloser Mutanten regiert. Nein, dies ist seit 2009 die bittere Realität in Muttis Germanien (wo Menschen ihren Müll hinter Gittern wegsperren). Husch, husch, zurück in die kalte Dunkelheit. Und zwar ohne Gerstensaft in der Manteltasche.

Schallendes Gelächter: Auto und Alkohol

Nie werde ich vergessen, wie ich in England nach einem Besuch im Pub meinem englischen Fahrer vorschlug, noch ein paar Bier an der Tanke zu holen, um den Abend ausklingen zu lassen. Alle (englischen) Insassen brachen in schallendes Gelächter aus über den weird geezer, der da bei ihnen im Auto saß.

Hahahaha! OK, so you wanna buy a couple of pints in a petrol station, mate?
Hahaha, OK, look this is a CAR! A CAR!
C – as in Charlie
A – as in Anthony
R – as in Romeo
It is a CAR! Don’t be stupid! There is no beer at the petrol station. We are here in a CAR! A CAR! It just doesn’t fit together, Alcohol and a car! Hahahahaha! Don’t tell me, you can buy alcohol in Germany in a petrol station, or can you, mate…? Hahaha!

Meine Beteuerung, dass man in Deutschland selbstverständlich Alkohol an der Tankstelle kaufen könne, und zwar auch als Autofahrer, sorgte für weitere Belustigung.

This Germany must be a funny country! They drive on the wrong side of the road and you can buy beer at the petrol station! Hahaha! We gotta go there one day!

Wahrscheinlich hielt man mich für einen Lügner. Oder für einen hirnlosen Mutanten.

Bei Bier droht Verhaftung!

In den USA soll es ja Staaten geben, wo man zwar ein Arsenal an Waffen und Munition auf dem Beifahrersitz haben darf. Doch wenn daneben eine Dose Bier liegt, so ist das ein äußerst schweres Vergehen und endet in einer Festnahme.

Wenn also in Deutschland ein Gesetz erlassen würde, dass den Verkauf von Alkohol an Tankstellen an Autofahrer verbietet, dann wäre das irgendwie noch nachvollziehbar. Doch bei uns ist es genau anders herum. Alkohol für Autofahrer? Kein Problem!

Vielleicht will der Herr noch eine Pulle Schnaps mitnehmen? So für den Weg? Vielen Dank für den Besuch, beehren Sie uns bald wieder! Halt, zur Tür geht’s da raus, mein Herr. Das ist die Kühltruhe!

Aber Alkohol für Fußgänger? Fußgänger haben eben keine Lobby.

Nix da, das stell mal schön wieder rein, Kollege!

Saufen als Reisebedarf: Na dann Prost!

Hintergrund dieser geistigen Null-Nummer ist eine skurille Auswirkung des Ladenschlussgesetzes. Aus dem Leitsatz eines Gerichtsbeschlusses des OVG-RHEINLAND-PFALZ (Aktenzeichen: 6 A 11324/08.OVG):

An Tankstellen darf während der allgemeinen Ladenschlusszeiten Reisebedarf ausschließlich an Reisende verkauft werden, die mit einem Kraftfahrzeug zur Tankstelle gelangen (Kraftfahrer/innen sowie deren Mitfahrer/innen).

Zum Reisebedarf gehören auch alkoholische Getränke in kleineren Mengen, also in Mengen, die typischerweise zum Verbrauch des Reisenden oder eines Begleiters auf der Reise bestimmt sein können oder als Reisemitbringsel geeignet sind.

Diskriminierung von Fußgängern und Radfahrern

Saufen gehört nach der deutschen Rechtsauffassung also zum Reisebedarf. Und wer zu Fuß geht, der reist nicht. Auch wer mit dem Fahrrad nach 120 km und der Campingausrüstung auf dem Gepäckträger durstig zur Tanke kommt, kann im Land der Säufer und Autofahrer kein Reisender sein und kann sich den Abend mit Bionade vergnügen.

Nur wer seinen Hintern mit einem knatternden, stinkenden Kraftfahrzeug durch die Gegend kutschiert, gehört zur privilegierten Kaste der Reisenden (auch wenn er um die Ecke wohnt). Das alles ist nicht nur hyper-quadrierter Vollpfosten-Schwachsinn, sondern in meinen Augen eine verfassungswidrige Diskriminierung von Fußgängern und Radfahrern. Denn in Art. 3 (1) Grundgesetz heißt es schlicht:

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich

Realitätsferne Schildbürger

Jaja, schon recht. Sicher gibt es irgendeinen nichthumpelnden, höchstintelligenten Winkeladvokaten mit Schlips und Brille, der uns in den Kommentaren genau begründen kann, warum das formaljuristisch hier nicht anwendbar ist.

Doch lieber wäre ich ein hirnloser, humpelnder Mutant, als so eine realitätsferne (autofahrende) Schildbürger-Gestalt am Schreibtisch, die für so eine dummdödelige Rechtslage verantwortlich ist. Kein Wunder, dass in Deutschland so viele Menschen saufen. Prost!

Comments

  1. Die Auswirkungen in Berlin dürften eher gering sein, da die allgemeinen Ladenschlußzeiten ja nur sonn- und feiertags sind (Läden dürfen von Montag bis Freitag durchgehen von Mitternacht bis Mitternacht offen sein). Aber wenn ich die Entscheidung richtig verstehe, dann dürfte der Radfahrer auch keine Bionade kaufen (wo sollte denn da der Unterschied sein).

    Übrigens hat mir die Rezeption eines Hotels in Vermont (ja, das in den USA) ernsthaft empfohlen, mir in Ermangelung einer Hotelbar doch ein paar Bierchen an der in Laufweite gelegenen Tanke zu kaufen. Was ich auch getan habe. Zu Fuß natürlich. Auch in Dänemark habe ich schon Bier an der Tanke gekauft (zu Fuß). Alles gar kein Problem.

    1. Hier in Nürnberg ist die Handhabe durch die Tankstellen meiner Erfahrung nach gemischt. Etliche Tankstellen gehen stillschweigend bzw. augenzwinkernd davon aus, dass man Autofahrer ist. Es kann aber auch passieren, dass Alkohol an Fußgänger radikal verweigert wird. Richtig kontrolliert wird die Einhaltung offenbar nicht.

      1. Das fällt in NBG aber echt auf wie unterschiedlich die Tankstellen sind. Vor dem Disko-Areal gibt es eine mit einer Muschel als Logo und eine mit einem weißem Schriftzug auf blauem, quadratischen Grund. Da wollte ich in die „Muschel“ weil die „Blaue“ auf der anderen Straßenseite lag, und musste mir anhören, dass nur Autofahrer trinken dürfen (jedenfalls hörte es sich so an 😉 ). Als ich dann an der „Blauen“ mein Bier kaufen wollte, ging es ohne Probleme. Und bevor ich noch nen Brief wegen Verunglimpflichung oder so bekomm, hab ich mal die Tankstellen nicht beim Namen genannt 😉

        1. Ich kenne die „Muschel“ und die „Blaue“ auch (so viele Disko-Areale gibts ja in Nürnberg auch wieder nicht) und deren jeweilige Auslegung. Deckt sich zu 100% mit Deiner Erfahrung. Mit der „Blauen“ fährst Du eh besser. Ist deutlich billiger. Bei der „Muschel“ sind die Preise horrend. Wahrscheinlich, weil die nur an Autofahrer verkaufen… 😉

  2. also ich hab ne 24 stunden tanke vor der tür und verpflege mich ausschließlich von dort. nachts, zu fuß. vielleicht kennen die die gesetzeslage nicht.

  3. ging mir vor ein paar Jahren auch mal so das ich an mehreren Tankstellen kein Bier kaufen konnte da ich ja Fahrradfahrer bin. Diskriminierung im 21. Jahrhundert. Tolles freies Land!

    Immerhin drücken die meisten Tankstellenmitarbeiter mittlerweile echt beide Augen zu^^

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