1. Bayerischer Blogger-Gipfel in Nürnberg

Der Bayerische Journalistenverband BJV hatte am Montag zum „1. Bayerischen Blogger-Gipfel“ in den Presseclub nach Nürnberg geladen und ich war dabei.

Meist finden solche zentral-bayerischen Veranstaltungen ja in München statt. Nun gut, da ich ja nur 10 Fahrradminuten zum Nürnberger Presseclub am Gewerbemuseumsplatz habe, habe ich mir diese Podiumsdiskussion angehört.

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Journalistische Herrenrunde: "Don Alphonso", Falk Zimmermann, Thomas Mrazek, Peter Viebig, Stefan Aigner

Nischen im Lokaljournalismus

Geladen waren vier Herren aus der bayerischen Blogosphäre: Stefan Aigner, von Regensburg Digital (im Bild ganz rechts) mit einer frischen Abmahnung im Gepäck (der einzige Teilnehmer, den ich als lupenreinen „Blogger von unten“ bezeichnen möchte). Falk Zimmermann von vesteblick.de, einem lokalen Blog aus Coburg (Bild 2. v.l.), der hauptberuflich in einer Lokalredaktion in Thüringen arbeitet.

Aigner und Zimmermann haben mit ihren lokalen Blogs die journalistische Nische besetzt, die die bis dahin konkurrenzlosen Lokalredaktionen in ihren Städten unbesetzt ließen.

Durch den Kack-au gezogen

Zwei weitere Gäste kamen direkt aus dem journalistischen Establishment. Peter Viebig, der als Redakteur für die Nürnberger Zeitung u.a. auf dem Vip-Raum bloggt (2. v.r.). Und „Don Alphonso“, der für die FAZ auf Stützen der Gesellschaft die sogenannte bessere Gesellschaft des Tegernsees durch den Kack-au zieht.

Moderator der Podiumsdiskussion war Thomas Mrazek (Bildmitte). Ja, und es war eine Podiumsdiskussion. Und da frage ich mich: Muss man denn aus jeder Diskussion gleich einen Gipfel machen?

Klicks, Auflagen und Werbeeinnahmen

Doch vielleicht sind wir damit schon mittendrin in der Problematik des traditionellen Journalismus der heutigen Zeit. Geschichten müssen verkauft werden. Es geht um Klicks, Auflagen und Werbeeinnahmen. Bestätigt wurde an diesem Abend noch einmal, dass manche Verlage bei den Online-Auftritten ihrer Zeitungen keine Links wünschen, die den Leser vom eigenen Inhalt (und damit von der Werbung) wegführen könnten. Das macht den Inhalt zwar irgendwie blutleer und steril, hält den Leser aber bei der monokulturellen Stange und sichert Arbeitsplätze.

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Peter Viebig, Stefan Aigner

Podiumsdiskussion oder „Gipfel“?

Jeder hingerotze Dreizeiler, der eines der Wörter „Blut“ oder „Busen“ enthält, erhät 10 mal mehr Klicks als ein ellenlanger, gut recherchierter Artikel über die gesellschaftlichen Implikationen der Musik im 17. Jahrhundert. Wenn schon keiner auf eine Podiumsdiskussion kommt, vielleicht auf einen Gipfel?

Rund 25 Gäste waren immerhin auf die Veranstaltung gekommen, von der man durchaus einiges mitnehmen konnte. Und ich meine nicht nur ein kostenloses Exemplar von „Online-Journalismus – Zukunftspfade und Sackgassen„. Wenn man es nicht schon wusste, wurde es an diesem Abend noch mal besonders deutlich: Die lokalen Printmedien tun sich verdammt schwer, sich an die durch das Internet gewandelten Bedingungen anzupassen.

Pressefreiheit: „Jeder hat das Recht…“

Die entstandenen Lücken sind groß, aber längst nicht gefüllt. Selbst in Städten wie meiner Heimatstadt Nürnberg (immerhin rund 500.000 Einwohner) gibt es keine ernstzunehmende lokalpolitische Webseite, die eine alternative Öffentlichkeit herzustellen vermag. Nur weil der Beruf des Journalismus laut Grundgesetz keinem Bürger versperrt sein darf (Art 5 (1) Grundgesetz: „Jeder hat das Recht…“), heißt das noch lange nicht, dass jeder auch das Zeug zum Journalisten hat (und die Zeit… und das Durchhaltevermögen… und die juristische Unterstützung… und ein bisschen Geld…)

Juristisches Fahrwasser

Wie schwierig das „Bloggen von unten“ sein kann, machte Stefan Aigner deutlich, der wiederholt in juristisches Fahrwasser geraten war. Aigner bekannte ganz offen, dass er kein Typ für das Marketing sei und gab dem Inhalt den Vorrang. Als einziger (soweit ich das richtig verstanden habe) nicht gelernter Journalist [EDIT: Stefan ist gelernter Journalist – Danke an Stefan, Thomas und Bert für die Info] empfohl er, „sein Ding durchzuziehen„. Sich treu zu bleiben, sei ein wesentliches Merkmal für den Erfolg eines Blogs.

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"Don Alphonso", Falk Zimmermann

Schere im Kopf

Thema war auch die „Schere im Kopf“ des Journalisten. Unabhängiger, unvoreingenommener  Journalismus sei nicht nur durch die finanzielle Abhängigkeit von potenten Werbepartnern beeinflusst, sondern auch durch bezahlten Auftragsjournalismus, so ein Redner. Dass diese Erscheinung längst nicht nur große Blogs betrifft, sondern auch in die „Mittelschicht“ der Blogosphäre vorgedrungen ist, hat „Bloggergate“ (uh, noch so ein Buzzword) gezeigt (siehe auch meinen Artikel: Schleichwerbung und Presserecht).

Monetäre Zwänge

Alles in allem war die Podiumsdiskussion  aber natürlich stark geprägt von der Sichtweise des herkömmlichen, traditionellen, professionellen Journalismus. – „Wie kann man einen Blog finanzieren?“ – Die 99% derjenigen Blogger, die in ihrer Freizeit das Internet mit Inhalten füllen (und rund 3/4 meines Feedreaders), waren in den 2 1/2 Stunden der Veranstaltung kein Thema. Na klar, war ja auch eine Veranstaltung einer Gewerkschaft für hauptberufliche Journalisten und da sollte man das nicht erwarten.

„Liebe Deine Leser!“

Als Blogger müsse man aber auch mal über monetäre Zwänge hinwegsehen und bloggen, was einem auf der Seele liege, so (sinngemäß) NZ-Redakteur Peter Viebig. Das bringe zwar keine Klicks. Aber danach fühle man sich besser. Kunstfigur „Don Alphonso“ sieht das Geheimnis eines erfolgreichen Blogs darin, seine Leser zu lieben. Die seien nämlich nicht dumm und spüren, ob man es aufrichtig meine.

Gefragt habe ich mich aber auch, warum Journalismus so stark durch Männer geprägt ist. Nicht nur das Podium, auch das Publikum war männlich dominiert. Auch in der Blogosphäre scheint dies zu gelten, obwohl es hier keine Einstiegshürden und patriarchalische Strukturen gibt.

Raum für Selbstdarstellung

Dies ist nur ein Ansatz für eine Diskussion, die an diesem Abend hätte geführt werden können. Alles in allem ein Abend mit vielen interessanten Einblicken in die Welt des Bloggens, der viel Raum für Selbstdarstellung der Protagonisten und viele Fragen offen ließ.

Ein bisschen mehr Kontroverse hätte diesem Abend sicher  gutgetan.

Comments

  1. Scheint ein interessanter Abend gewesen zu sein. Hab Aigner mal bei der republica gesehen. So weit ich das verstanden habe ist er gelernter Journalist, aber mei….

  2. Vielen Dank für diesen Artikel, der den Abend sehr gut beschreibt. Mit Ihrer/Deiner [EDIT ADMIN: Es darf geduzt werden…]Kritik am Begriff „Gipfel“ haben Sie/hast Du natürlich recht. Ich fand es ehrlich gesagt ein bisschen schade, dass nur rund 25 Besucher da waren, aber ja mei … Zumindest hat es mir – und wie ich vernahm – den Podiumsteilnehmern und Besuchern Spaß gemacht und die Sache vielleicht ein klein wenig vorangebracht.

    1. Ich fand es ehrlich gesagt ein bisschen schade, dass nur rund 25 Besucher da waren, aber ja mei …

      Ich denke, dies liegt u.a. einfach daran, dass sich die Veranstaltung in erster Linie an Berufsjournalisten gewendet hat. Das Gros der Blogger (ich denke wir reden hier über weit mehr als 99%) ist aber weder gelernter Journalist, noch gewerkschaftlich organisiert.
      Diese Blogger sind als Besucher-Zielgruppe wohl kaum angesprochen. Deren Vorstellungen und Probleme wurden ja quasi auch nicht thematisiert. Wie schon im Artikel gesagt: War ja auch eine Veranstaltung des BJV und die richtet sich wahrscheinlich naturgemäß erst mal an ihre Mitglieder.

      Zweiter Grund (vermute ich mal) ist einfach, dass vielen nicht bekannt war, dass die Veranstaltung überhaupt stattfand. Und da mutmaße ich einfach mal, dass die gängigen Kommunikationskanäle in der Branche benutzt wurden, um auf die Veranstaltung hinzuweisen. Auch hier wäre natürlich das Gros der Blogger von dieser Information ausgeschlossen. Von der am Abend von den Rednern bemängelten Monokultur in den lokalen Presselandschaften sind vielleicht auch die Gewerkschaften betroffen (noch eine Mutmaßung), bewegt man sich doch viel unter seinesgleichen.

  3. Hallo, ja klar hat sich die Veranstaltung eigentlich hauptsächlich an Journalisten gerichtet – deswegen auch der Titel Journalisten-Blogger-Gipfel (herrje, was für ein Wort fluchte ich vor der Veranstaltung, doch den KollegInnen gefiel es so).

    Noch ein paar Anmerkungen:
    – Stefan Aigner absolvierte ein Volontariat bei einem Regensburger Wochenblatt.
    – Das gestern ausgegebene, knapp 200-seitige Werk „Online-Journalismus: Zukunftspfade und Sackgassen“ gibt’s umsonst, entweder als PDF zum Download oder in Papierform (gegen Portoersatz, 1,45 Euro): http://www.netzwerkrecherche.de/Publikationen/nr-Werkstatt/18-Online-Journalismus/
    – Hier noch mal auszugsweise das korrekte Zitat der Herausgeberin der „Augsburger Allgemeinen“: „Die regionale Tageszeitung ist das einzige Medium, das den Menschen das Geschehen in ihrer Heimat verlässlich und kompetent spiegelt. (…)“: http://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Mediengruppe-Pressedruck-uebernimmt-Mehrheit-an-Suedkurier-id17614741.html
    So, jetzt widme ich mich der hohen Schule des Qualitätsjournalismus: http://www.otto-brenner-preis.de/ (-:

    1. Hallo, ja klar hat sich die Veranstaltung eigentlich hauptsächlich an Journalisten gerichtet – deswegen auch der Titel Journalisten-Blogger-Gipfel

      Nach der Definition des DJV ist ein „Journalist“ jemand, der „hauptberuflich an der Verbreitung und Veröffentlichung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt“ ist (zitiert nach Wikipedia). Der Begriff „Journalist“ ist aus gutem Grund nicht geschützt. Ich persönlich halte mich da eher an Art 5 (1) Grundgesetz, wo es heißt:

      Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten (…)

      Für mich persönlich ist daher jeder Blogger ein Journalist. Eine Deutungshoheit des Begriffs „Journalist“ durch den DJV oder BJV kann ich nicht sehen. Aus diesem Grund habe ich den offiziellen Titel der Veranstaltung „Journalisten-Blogger-Gipfel“ im Artikel auch gekürzt, da aus meiner Sicht das Wort „Blogger“ den Begriff „Journalist“ bereits beinhaltet.

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