Das bunte Karussell der Desktopumgebungen

Aus Spaß an der Freude

Pinguinehorizontal xp xfce windows XP windows unity ubuntu oneiric ozelot metamorphose lxde lucid lynx LTS kde gurke gnome 3 gnome 2 gnome fedora 15 fedora Desktopumgebung debian asien afrika Im Bereich der Linux-Desktopumgebungen ist in der letzten Zeit viel durcheinandergewirbelt worden. Hier ist meine persönliche Einschätzung zu Unity, Gnome, Xfce und KDE.

In meiner euphorischen Phase des Ubuntu-Aufbruchs (bis ca. 2008/2009) konnte ich das jeweilige 6-monatige Upgrade kaum erwarten. Ich werkelte stunden- oder tagelang herum, bis alles so passte, wie ich es mir vorstellte, oftmals mehr als eigentlich nötig. Einfach aus Spaß an der Freude. Diese Bastelei, vom Backup über das Upgrade bis hin zur Anpassung des Systems empfand ich niemals als Zeitvergeudung, sondern eher wie ein Geschenk.

Inzwischen haben sich Sturm und Drang gelegt. Mein Rechner, der seit 2006 eine Metamorphose vom einst schnittigen Jüngling zu einem inzwischen (gefühlten) Endvierziger durchgemacht hat, könnte stellvertretend für meinen persönlichen Umgang zu Ubuntu stehen. Heute sind wir (mein Rechner und ich) schon zufrieden, wenn alles stabil läuft, ohne dass wir uns groß darum kümmern müssen.

Haut nicht vom Hocker, aber funktioniert

Die logische Folge war das Verharren auf der LTS-Version Ubuntu Lucid Lynx 10.04 mit einer ver-gnome2-ten Xfce-Desktopumgebung. Das haut mich nicht vom Hocker. Aber es funktioniert. Erst mit der nächsten LTS-Veröffentlichung im April (Precise Pangolin) kommt die Frage, wie es weitergehen soll, wieder auf die Tagesordnung.

Inzwischen habe ich Fedora 15 mit Gnome 3 angetestet und bin positiv von Gnome 3 angetan.  In der Glaubensfrage „Gnome oder KDE?“ war ich tendenziell immer mehr ein Gnomianer gewesen. An einer Distribution wie Fedora war das (in meinen Augen) kühle und sterile KDE immer ein Manko gewesen. Doch jetzt ist Fedora in den Kreis der potenziellen Sukzessoren aufgerückt. Wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter flitzt Gnome 3 bei mir aber nicht gerade…

Auch Gnome wurde nicht an einem Tag erbaut

Auch Ubuntu mit Unity-3D ist natürlich im engeren Kreis und ist, trotz aller Kritik, eine Option mit erhöhtem Komfort und Spaßfaktor. Richtig beurteilen kann ich es aber nicht. Im Test von der Live-CD habe ich es nicht zum Laufen gebracht, da meine Nvidia nicht mitspielen wollte. Wie auch bei Gnome 3 muss Unity, so denke ich, aber auch noch ein bisschen reifen, um vollends alltagstauglich zu sein.

Auch Gnome (2) wurde schließlich nicht an einem Tag erbaut. Wie für Gnome 3 gilt aber auch für Unity eine gesteigerte Anforderung an die Hardware, zumindest wenn man das volle 3D-Programm haben will. Immerhin ist eine Fallbacklösung mit 2D in Aussicht.

Irgendwie scheint sich die Schere jedoch weiter geöffnet zu haben. Ausgehend von Hardware, die, sagen wir, 5 Jahre alt ist, konnte man früher einmal aus nahezu jeder beliebigen Linux-Distribution eine zufriedenstellende Performance herauskitzeln (mangelnde Treiberunterstützung ist ein anderes Thema).

Wer nicht aufrüstet, muss sehen, wo er bleibt

Mit Unity-3D und Gnome 3 ist eine 3D-fähige Grafikkarte Voraussetzung. Das ist ein echtes Killerkriterium. Viele können diesen Schritt nicht mitgehen. Die Nutzer, die man dadurch verliert, muss man erst mal aus neuen Zielgruppen rekrutieren. Der eine oder andere wird sich sicher überlegen, ob er nicht auf einen komplett anderen Desktop oder gar eine andere Distribution wechselt.

Mit Unity und Gnome 3 ist die Messlatte signifikant angehoben worden und durch die exklusiven Hardwareanforderungen ist der potenzielle Kreis der Nutzer für das bestmögliche Linuxsystem geringer geworden. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Es entsteht eine 2-Klassen-Gesellschaft. Das Motto heißt plötzlich für viele: Aufrüsten oder sehen, wo man bleibt. Immerhin bleibt noch die Fallback-Lösung.

Gnome 2 – die schlanke Desktopumgebung

Diese Entwicklung spaltet mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich, wenn man es im globalen Kontext betrachtet. In weiten Teilen der Welt wird noch Hardware genutzt, die einem hierzulande die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Meist eier-uhrt auf solchen Rechnern Windows XP herum (und wird es noch viele, viele Jahre tun). 512 MB Arbeitsspeicher sind da schon ein Luxus. Grafikkarten mit 3D-Unterstützung rufen in solchen Ländern nur Kopfschütteln hervor. Dort wird Hardware solange genutzt, bis sie scheppernd und rauchend kollabiert. Ökologie, nicht aus Überzeugung, aber zwangsläufig ökonomisch motiviert.

Erstaunlich finde ich vor diesem Hintergrund, dass Gnome 2, das über viele Jahre bis hin zu einem sehr stabilen Status entwickelt wurde, nun bald ausgedient haben soll. Seit es KDE 4, Unity und Gnome 3 gibt, rutscht Gnome 2 langsam in die Klasse der „schlanken Desktopumgebungen“ hinein (wenn man alles, was nicht Unity, Gnome 3 oder KDE 4 ist, als „schlank“ definiert). Eigentlich unglaublich, dass Gnome 2, der neue Platzhirsch unter den „schlanken Desktopumgebungen“, nun freiwillig das Feld zu räumen scheint. Gerade jetzt, wo ein enorm großer Pool an 3D-unfähigen Klienten bald eine neue Heimat suchen muss.

Totengeläut vs. universeller Anspruch

Jetzt, wo es superrund läuft, mit bescheidenem Anspruch an die Hardware, da läuten die Totenglocken…?  Gnome 2 soll sterben. Viele der großen Distributionen wollen es in Zukunft nicht mehr einsetzen. Na ja, fast. Im quelloffenen Universum der Vielfalt wird es schon noch eine Weile überleben. Es soll ja noch Linux-Betriebssysteme geben, die universellen Anspruch haben…

Wie auch schon von anderen prophezeit, glaube ich auch, dass dies die Chance für Xfce und andere schlanke Umgebungen wie LXDE ist, in die entstehende Lücke vorzustoßen. Alte Hardware gibt es in Europa en masse und weltweit sowieso. Dass Nigerianer, Laoten, Griechen oder Mittelfranken bei Mediamarkt Schlange stehen, nur um in den Genuss von Gnome 3 oder Unity-3D zu kommen, darf bezweifelt werden.

Warum sollte ich auch? Die LTS-Version Ubuntu Lucid Lynx wird schließlich bis April 2013 unterstützt. Notfalls gurke ich eben noch zwei Jahre weiter auf Lucid Lynx herum. Oder wechsle die Pferde. Zu beobachten, wie sich Desktopumgebungen entwickeln, ist im Moment auf jeden Fall eine sehr spannende Angelegenheit. Wie denkt Ihr darüber?

Comments

  1. Ich nutze Lucid Lynx und Squeeze auf dem Desktop – natürlich mit Gnome2. Solange alle benötigten Programme laufen sehe ich keinen Grund die Umgebung zu wechseln.

    Gnome3 gefällt mir sehr gut und wird wohl mit dem nächsten Hardwareupdate in 1,2 Jahren bei mir Einzug halten. Bis dahin redet auch keiner mehr über die Hardwareanforderungen :).

  2. Ich nutze seit ca. 3 Wochen Gnome3 auf Ubuntu 11.04 und bin begeistert. Die Stabilität war in der ersten Woche noch nicht so gut, aber gewaltig besser als bei Unity3D und Unity2D. Canonical hat (meiner Meinung nach) einen gewaltigen Fehler gemacht, schon mit 11.04 dieses unfertige und völlig instabile Unity3D auszuliefern (als Standard). Unity3D hat sich bei mir ca. nach 2 Stunden verabschiedet, X-Server hat sich neu gestartet (alle graphischen Programme waren logischerweise abgebrochen) und dann ging es wieder von vorne los. Darauf hin habe ich Unity2D installiert, das lief deutlich stabiler, ist aber von den Features her noch abgespeckter als Unity3D. Letztlich bin ich mit 11.04 dann wieder auf Gnome2 umgestiegen, bis Gnome3 „offiziell“ veröffentlicht wurde und es seit Anfang Juni brauchbare PPAs für Gnome3 gibt:
    ppa:gnome3-team/gnome3 und ppa:ricotz/testing
    Trotz intensiver Nutzung habe ich bisher nur ca. 4 Abstürze der Gnome-Shell gehabt, die waren jedoch alle in der 1. Woche (Fehler offensichtlich behoben) und wenigstens mit einer Fehlermeldung, nicht mit Neustart des X-Servers.
    KDE gefällt mir nicht (ich muss es an der Uni nutzen), weil die ganzen „gängigen“ Tastenkombinationen wie Alt+Tab und Alt+F4 nicht standardmäßig eingerichtet sind, die Effekte sind unnötig (während sie bei Gnome3 zumindest zur Usability beitragen) und außerdem ist KDE recht langsam (auf aktuellen Intel Core i7-Rechnern mit 8GB oder 16GB RAM und auch sonst höchst aktueller Hardware)

    Für Rechner, die kein Gnome3 brauchbar nutzen lassen, würde ich XFCE einsetzen. LXDE hat mir bei der letzten Verwendung (vor ca. 1 Jahr) nicht gefallen, die Usability ist schlechter als bei Gnome2 und XFCE. Gnome2 verbraucht aber zu viel Speicher, sogar Gnome3 ist da genügsamer.

    Im Grunde genommen entwickeln sich XFCE und LXDE (gegenüber Gnome3/KDE) so wie RISC-Architekturen(wie ARM) im Prozessormarkt: Man verzichtet bewusst auf einige Features, um die beste Leistung aus der Hardware zu bekommen.

  3. Hallo!
    Ich freu mich, meine Pinguine hier wiederzufinden – und zum 3D-Hin-und-Her hab ich auch noch etwas Senf dazuzugeben: Mich hat KDE 4 schon nach kürzester Zeit genervt, vor allem auch, da ich nicht mehr so viel einstellen durfte wie früher und ständig irgendwelche animierten Pop-Ups aufgingen. Nach einem Wechsel zu Trinity Desktop Environment (TDE) war plötzlich alles wieder schön ruhig. Und konfigurierbar. Herrlich! Der 3D-Kram frisst doch bloß Ressourcen, die beim Grafikprogramm besser angelegt sind…

    1. Hi Moini,
      deine Pinguine, die ich als Artikelbild nutze, sind echt toll (und public domain dazu!).

      Super finde ich von Dir auch „“ (hatte ich zwischendurch sogar als Hintergrundbild) und „“ . Echt genial!

      Ich bin kürzlich dazu überggegangen, statt CC-Bildern, immer mal öfter Public Domain Bilder im Blog zu verwenden, weil mir der Aufwand, CC-Bilder korrekt zu referenzieren, manchmal zu aufwändig ist.

      Das sollte mich natürlich nicht daran hindern, auch Public Domain Werken mal die entsprechende Referenz und Anerkennung zu geben :mrgreen: (wenn ich es auch – lizenztechnisch gesehen – nicht müsste). Und das tue ich hiermit gerne. Open Clip Art ist eine phantastische Ressource für Public Domain Bilder.

      Danke für Deinen Beitrag und Deine Bilder, die Du unter „Public Domain“ unter openclipart.org freigibst.

      Als Blogger ist es für mich viel einfacher, Public Domain Bilder nutzen zu dürfen, ohne z.B. Lizenzbedingungen, Namen usw. ausdrücklich verlinken zu müssen.

      Ach ja , und zu 3-D: Da bin ich auch gespannt, wie es weitergeht. Im Moment ist für mich 2-D gut genug.

  4. Ich verfolge die Entwicklung der Linuxdesktops ebenfalls mit Spannung, seitdem ich 2008 mit Hardy zu Linux gewechselt bin. Der Grund war nicht, dass ich mit WinXP unzufrieden war, oder das Vista auf meinem PC zu schwerfällig lief. Es war der Frust über die erneut geänderten Nutzeroberflächen in einem Windows. Beim Wechsel von Win2000 auf XP konnte ich mir die Oberfläche noch sehr schnell so einstellen, wie es meinem Geschmack entsprach, d.h. der klassische Win2k Fensterrahmen, klassisches Menu etc.
    Das klingt jetzt sicher sehr hart, aber es gibt Dinge, die ich an Desktopumgebungen regelrecht hasse. Ganz oben stehen dabei runde Fensterrahmen und Kindergartenambiente, wie im Standarddesign von XP oder jetzt in unity – davon bekomme ich Sehnervherpes! Dann die Tendenz, Funktionen immer wieder an anderen Stellen zu verstecken, damit man auch schön lange suchen muss – in meinem Fall war es bei einem Test von Vista der Button zum Ausschalten. Habe 10 min gebraucht. Dazu kam unter Vista, dass die Designumstellung auf den klassischen Desktop nicht so ganz funktioniert hatte. Aber in den ganzen Vistabashings meldeten sich immer wieder Linuxer mit dem Hinweis auf Ubuntu – das machte mich neugierig.

    Habe mir dann von 7.10 die Live-CDs mit Gnome und KDE gezogen und getestet. KDE habe ich gleich wieder verworfen – ich wurde einfach nicht warm damit. Aber Gnome war ein Volltreffer! In den Menus habe ich mich auf Anhieb zurechtgefunden, so herrlich gut strukturiert, so übersichtlich – genau da, was ich wollte. Es fiel mir leichter, Ubuntu mit Gnome an meine optischen Vorleiben anzupassen, als Vista!!! Mit Hardy bin ich dann fest umgestiegen, aktuell faucht auf meinem Rechenknecht der Luchs.

    Der erste Schock waren dann die Fensterbuttons. Wenn Mark Appleworth meint, dass das so toll ist, dann soll er’s als Option anbieten, aber den Leuten nicht als Vorgabe auf’s Auge drücken. Ich will ja keinen Appleklon sondern eine eigenständige Arbeitsumgebung. Als Angebot an Leute, die es gerne ‚verapfelt‘ haben, bitte sehr. Unity brachte dann das Fass zum überlaufen. Diese riesiegen, haitschi-bumbaitschi Kindergartenicons, das nervige Global Menu, der Umstand, dass ich meine geöffneten Programme nicht mehr im Blick habe – ne, das ist nichts für mich. Meine Hardware käme damit klar, aber ich nicht. Es ist das Design, das mich bei unity abstößt.

    Leider ist die Gnome Shell ein ähnlicher Reinfall – da kann ich ja noch weniger einstellen, nicht mal die Fensterrahmen kann ich ohne weiterers austauschen. Und bitte, das sieht aus wie Hund – als hätte Microsoft einen Win7 Desktop mit Fenstern und Icons aus Win 3.11 verhunzt. Dazu kommt diese permanente Unruhe im Desktop – will ich eine andere Anwendung starten, muss ich ins Overlay, dabei flutscht der aktuelle Desktop weg, dann muss ich ihn wieder fokussieren. Einziger Plusspunkt: es wirkt nicht ganz so kindergartenmäßig wie unity.

    Meine Distro wird ab 12.04 Xubuntu heisen. Bin schon fleißig am Testen und muss sagen, XFCE gefällt mir sehr gut; übersichtlich, ruhig, nicht überladen, gut an meine Vorlieben anpassbar. Es wird dann halt etwas mehr Arbeit, bis Xubuntu so eingerichtet ist, wie es sein soll, weil ich auch viele Programme, die mit XFCE kommen, austauschen will gegen meine Favoriten – aber das ist ja dank Softwarecenter/Synaptic schnell erledigt.

  5. Danke für Deine ausführliche Einschätzung, der ich in weiten Teilen zustimmen kann.

    Vieles was da als Fortschritt gedacht ist, ist eigentlich eine Ver-schlimm-besserung.

    Entwickler sind so nah dran an der Materie, dass sie glaube ich oft unterschätzen, wie sprunghaft groß die Unterschiede für den „Normal“-nutzer sind. Da muss man dann schon gravierende Verbesserungen aufbieten können.

    Viele haben einfach keinen Bock, sich ständig auf eine neue Umgebung einstellen zu müssen.

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